Rezension: Die Reise nach Europa

Rezension: Die Reise nach Europa

Beim Lesen dieser Neuerscheinung dachte ich nach spätestens 50 Seiten an Stefan Zweigs "Die Welt von gestern".

Darin beschrieb der österreichische Schriftsteller grandios die "gute, alte Zeit", konkret das Europa in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Auch die Romane Joseph Roths kamen mir in den Sinn. Dieser schrieb sehr gerne in melancholisch-leicht ironischem Ton über die letzten Jahre der Donaumonarchie (Österreich-Ungarn) vor dem Tod Kaiser Franz-Josephs (genau, Sissi etc.)

Insbesondere die damalige Oberschicht wusste demnach mit Stil den Untergang des eigenen Landes hinzunehmen. Das geht bis zum Bonmot österreichischer Offiziere im Ersten Weltkrieg, die eigene militärische Katastrophen mit "Die Lage ist hoffnungsvoll, aber nicht ernst" kommentierten.

Ob sich das alles wirklich so zugetragen hat, kann ich nicht beurteilen - letztlich sind die Werke von Joseph Roth Romane. Doch er war ein Kind seiner Zeit und obwohl er den österreichisch-ungarischen Adel in seinen Büchern "vorführte", litt er offensichtlich sehr am Untergang seiner Heimat.

Wieso beginne ich die Rezension dieser Neuerscheinung "Die Reise nach Europa" des Autors Maximilian Krah mit Ausführungen zu Stefan Zweig und Joseph Roth?

Deshalb: Der Autor nimmt uns mit auf eine Reise in die Gebiete, in denen die Romane und die Autobiographie von Roth und Zweig spielen. Und mehr als das: Diese Neuerscheinung spannt einen Bogen von der damaligen Zeit - kulturell gesehen - in die Gegenwart.

Denn "Die Reise nach Europa" spielt in der Gegenwart - aber auch in der Vergangenheit.

Dazu als Erläuterung:

Die Rahmenhandlung des neuen Buchs beschreibt die Wege und Gedanken eines relativ jungen Juristen, der einen ungewöhnlichen Fall übernommen hat. Der Jurist selbst ist eher farblos, er ist noch auf der Suche zu sich selbst.

Ein älterer, wohlhabender Jurist gibt ihm den Auftrag, für eine Stiftung mit Sitz in Liechtenstein einige Immobilien in der heutigen Ukraine zurückzufordern.

Denn das Vermögen geht auf eine Kosmopolitin zurück, die auch ihn persönlich fasziniert hatte und die auch eine Nachkommin - Assunta - hinterlassen hat, die Mitglied im Stiftungsrat ist.

Der Autor nimmt sich Zeit, die handelnden Personen vorzustellen.

Zu Beginn gefiel mir das nicht, da eine Vielzahl von Namen in kurzer Zeit eingeführt wurde. Und beim Kennenlernen des Juristen mit seinem Auftraggeber wurde sozusagen minutiös festgehalten, was die beiden wann und wo besprachen und wo genau sie einkehrten und was genau sie tranken und verzehrten.

Ich ließ mich trotz dieser gewissen Einstiegshürde auf den Roman ein und habe es nicht bereut.

Denn gewiss, durch das langsame, stellenweise gemächliche Erzähltempo wird der Roman mit gut 600 Seiten relativ umfangreich.

Aber die Lektüre führte zumindest bei mir zu einer Entschleunigung. Da werden keine Handlungsstränge effizient "abgearbeitet", sondern da ist Zeit, grundsätzliche philosophische Fragen z.B. nach dem eigenen Selbstbild zu stellen.

Der Autor hat hier erfreulicherweise mehrere unterschiedliche Figuren, denen er diese Gedanken in den Mund legen kann.

So stammt der Auftraggeber - der ältere, wohlhabende Jurist - aus baltendeutschem Adel und er ist einerseits bodenständig, andererseits sehr an metaphysischen Fragen interessiert.

Als Beispiel sei die esoterische Typenlehre des Enneagramms genannt, nach der Menschen in verschiedene "Schubladen" eingeteilt werden können.

Die Orte der Handlung spielen eine durchaus wichtige Rolle.

Denn sie decken sich zu einem großen Teil mit den Orten, die Stefan Zweig und Joseph Roth beschrieben. Insbesondere Wien, die alte Hauptstadt der Donaumonarchie, spielt eine wichtige Rolle.

Und dann der Raum Mitteleuropas, der nach dem Zweiten Weltkrieg hinter dem Eisernen Vorhang verschwand. Von Reval - dem heutigen estnischen Tallin - über Prag bis nach Czernowitz, das heute in der Ukraine liegt.

Da die Handlung auch an diesen Orten spielt, kann der Autor den handelnden Personen dort auch Rückblicke auf die eigene Familiengeschichte ermöglichen. Und da ein bedeutender Teil der Handelnden einen adligen Hintergrund mit entsprechendem Bewusstsein für die Vergangenheit der eigenen Familie hat, gelingt dies sehr gut.

Und dabei wird klar, dass diese Region Ost-Mittel-Europas ihre höchste kulturelle und wirtschaftliche Blüte ebenfalls in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erlebte. Im Buch wird im Hinblick auf die Kultur dieser Region der "Kulturdünger" der Deutschsprachigen klar gemacht.

Beispiel Czernowitz, damals Östereich-Ungarn:

Dort trafen eigentlich rumänischer und ukrainischer Nationalismus aufeinander. Was war der Kompromiss? Eine neue Universität errichten, in der keine der beiden Sprachen tonangebend ist. Stattdessen wurde dort in der damaligen Wissenschaftssprache Deutsch gelehrt. Das schaffte Brücken zwischen den Ethnien, zum Vorteil aller.

Ich habe öfter mal die Lektüre unterbrochen, um in die Wikipedia-Einträge zu manchen Orten hineinzulesen, Beispiel Schloss Greillenstein.

  • Und die Tatsache, dass der Autor die vom Protagonisten verzehrten Speisen beschreibt, gefiel mir am Anfang zwar nicht...
  • ...aber im Verlauf der Lektüre durchaus.
  • Denn einerseits nahmen diese Schilderungen auch Tempo aus der Handlung, sie waren gewisse entschleunigende Handlungspausen...
  • ...und ich freute mich irgendwann, als der Protagonist zum Beispiel einen auch von mir geschätzten Ardbeg Whiskey trank. Und einige der genannten Restaurants notierte ich mir, da sie ja auch in der realen Welt existieren und sehr gut klingen (das "Konoba" in Wien oder der dortige Augustinerkeller).

Mein Fazit: Dieser neue Roman "Die Reise nach Europa" braucht ein wenig, um seine Stärken zu entfalten. Ich fand, dass es sich sehr gelohnt hat, "dran zu bleiben". Der Autor ist ein durchaus famoser Erzähler mit Fokus auf Details. Die handelnden Figuren werden so gut beschrieben, dass ich bei einigen das Gefühl hatte, sie sprachen mit ihren Lebensweisheiten auch mich ganz direkt an.

Das Buch gibt Denkanstöße, es hat eine interessante Rahmenhandlung und ist gut geschrieben - deshalb ist mein Fazit klar:

Insgesamt ein eindeutiges Daumen hoch meinerseits für:

Maximilian Krah: Die Reise nach Europa

Angenehme Lektüre!

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt

Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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