Rezension: Die Kraft der Generationen
Was ich im Laufe von Jahrzehnten gelernt habe: XY und auch XZ, etc. pp. - und auch dies: Aktiengesellschaften, bei denen Unternehmer-Familien die Mehrheit halten, sind tendenziell langfristiger orientiert, achten auf regionale Auswirkungen, Wohlbefinden der Beschäftigten...
Das ist natürlich nur anekdotische Evidenz meinerseits. Sie basiert z.B. auf eigenen Erfahrungen bei Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften, bei denen ich oft genug den Vorständen auch direkte Fragen stellte, um einen Eindruck zu gewinnen. Und z.B. im Fall der Hornbach Holding fand ich es einmal bemerkenswert, dass einer der "Hornbachs" erläuterte, wie er sich auf die Rolle im Familienunternehmen vorbereitete.
Gewiss, es gibt da zahlreiche externe Manager. Aber die Familie ist auch im operativen Bereich tätig und im Aufsichtsrat sowieso. Und clever gemacht, z.B. durch eine Holding-Konstruktion, welche die Baumarkt-Aktien mehrheitlich hält. Insgesamt wirkte das sympathisch auf mich. Da bin ich gerne investiert (bis heute übrigens). Ob die Aktie letztlich ein gutes Investment ist, ist eine andere Frage. Da spielen natürlich auch externe Effekte eine Rolle, die vom Unternehmen nicht oder kaum beeinflusst werden können.
Aktuelles Beispiel: Wenn aufgrund des Irankriegs die Preise für Benzin und Diesel stark steigen, hat die Masse der Verbraucher weniger "Cash" in der Tasche für Konsum. Dann wird vielleicht auch ein Gartenbauprojekt erstmal zurückgestellt...
Nach der Lektüre der Neuerscheinung "Die Kraft der Generationen" des Autors Heiko Kleve hat mich gefreut, dass dieser meinen subjektiven Eindruck durch empirische Evidenz bestätigt hat. Punkte wie "Eigentum und Verantwortung", längerfristige Planung statt Quartalszahlen-Denke,regionale Verankerung...
...all dies spricht laut dem Buch für die Unternehmerfamilien. Manchmal seien diese auch sogenannte "hidden champions" - und ein Rückgrat des "German Mittelstand" sowieso.
Dies erläutert der Autor in gut strukturierten Kapiteln, praktischerweise mit "Sieben Lektionen aus diesem Kapitel" zum Ende derselben. Der Autor kann seine Thesen z.B. mit Untersuchungen seiner Studenten begründen, denn er lehrt an einer privaten Universität.
Und damit sind wir beim großen "aber". Denn fachlich finde ich das Buch interessant und die positiven Auswertungen im Hinblick auf die gesellschaftlichen Auswirkungen von Unternehmerfamilien rennen bei mir offene Türen ein.
Das Buch liest sich allerdings stellenweise wie eine Werbebroschüre des Autoren, der bei genau diesen Unternehmerfamilien Aufträge erhalten möchte. So stellt der Autor direkt zu Beginn klar, ich zitiere:
"Außerdem berate ich diese (Familienunternehmen). Und das mache ich als Professor am Wittener Institut für Familienunternehmen der privaten Universität Witten/Herdecke sowie in freiberuflicher Beratungspraxis."
Später im Buch verweist er dann oft darauf, wie sinnvoll es seiner Ansicht nach ist, dass Familienunternehmer auf "externe Beratung" zurückgreifen. Einmal hieß es sogar sinngemäß, das sei keine Option, sondern notwendig für die Fortführung des Erfolges.
Auftrags-Akquise durch Buch, natürlich völlig legitim - es erhöhte aber nicht den Lesegenuss für mich, um es einmal so auszudrücken.
Was mir ebenfalls negativ auffiel: Die meiner Ansicht nach übertriebene Nabelsfchau des Autors. So hätten ihn "viele" gefragt, warum er statt eine Professur im Beamtenverhältnis lieber eine Professur an einer privaten Universität im Angestelltenverhältnis wählte.
Das erläutert er dann ausführlich und lässt durchscheinen, dass er dafür gelobt werden möchte, weil er ja eine "Professur im Beamtenverhältnis" aufgab, um seinen Werten zu folgen. Darin hätten ihn auch die Biographien seiner beiden Großväter bestärkt. Letzteres wirkt auf mich arg konstruiert, da er selbst einräumt, erst mit 21 Jahren seinen leiblichen Vater kennengelernt zu haben und auch dann erst über dessen Vater erfahren zu haben. Mit 21 Jahren war bei mir persönlich die eigene Persönlichkeitsbildung indes schon zu einem guten Teil abgeschlossen. Einen mir dann völlig unbekannten Großvater als "Kraft meiner Generation im Rücken" zu empfinden, finde ich nicht überzeugend.
Der Autor versucht zudem, sich als rebellischen Geist im Sinne des Individualismus darzustellen. So erläutert er, dass er in seiner Kindheit in der DDR zwar Mitglied der Kinder- und Jugendorganisationen war, sich aber "nur so intensiv ein(brachte), wie es notwendig war, um nicht aufzufallen". Ja super. Klassischer Mitläufer. Das ist ja völlig legitim, aber ich fürchte, die Beschreibung war beifallheischend gemeint.
Sie merken schon: Zusammen mit dem etwas drögen Schreibstil hat mir dies die Lektüre des ansonsten von den Fakten her sehr lesenswerten Buches verleidet. Insofern keine Leseempfehung meinerseits für:
Heiko Kleve: Die Kraft der Generationen
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M. A.