Rezension: Kulturpolitik
Ich erinnere mich daran, dass vor Jahren eine bundesdeutsche Ministerin sinngemäß in etwa diesen Satz äußerte: Eine spezifisch deutsche Kultur sei jenseits der Sprache nicht erkennbar.
Das fand ich beeindruckend dämlich, zumal von einer Ministerin. Ich steckte sie in die Schublade der massiven Ahnungslosigkeit und ging mit meinem Tagwerk voran.
Warum ich dennoch vor Kurzem an ihre damalige Aussage dachte: Ich habe gerade ein Buch zur deutschen Kulturpolitik gelesen.
Und bei der Lektüre merkte ich, dass es durchaus gar nicht so leicht ist, den Begriff "deutsche Kultur" einzugrenzen. Freilich - sie gibt es.
Vielleicht ist es ähnlich wie (unser Thema sind grundsätzlich die Finanzmärkte) wie bei einer Spekulationsblase. Da stellte in den 1990ern der damalige Vorsitzende der US-Notenbank öffentlich die Frage, wann wir eine irrationale Übertreibung an den Finanzmärkten sehen. Konnotation: Diese gibt es natürlich - doch er kann sie nicht definieren.
Sie mögen hinzufügen, dass auch der US-amerikanische Jurist und zwischenzeitliche beisitzender Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten Potter Stewart in dem Kontext erwähnenswert ist. Er antwortete auf die Frage, wie er "hard-core pornography" erkenne
„Ich erkenne sie, wenn ich sie sehe."
Analog dazu könnte ich es mir leicht machen und die Frage nach deutscher Kultur entsprechend beantworten. Ich kann sie nicht definieren, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe...
So einfach macht sich der Autor der Neuerscheinung "Kulturpolitik" nicht.
Der Autor Hans-Thomas Tillschneider (habilitierter Orientalist) geht in seinem neuen Buch "Kulturpolitik" die Frage "wie es ist, deutsch zu sein" grundsätzlich an.
Das bedeutet, dass sich in etwa die erste Hälfte des Buches (67 von gut 150 Seiten) mit philosphischen Betrachtungen zu Staats- und Volkskultur beschäftigt.
Das war für mich insofern ermüdend, als die beiden Philosophen Jürgen Habermas und Martin Heidegger da breiten Raum einnehmen.
Das ist natürlich rein subjektiv, aber für meine Wenigkeit kann ich anmerken, dass ich mit Jürgen Habermas Thesen wenig anfangen kann (übrigens wie der Autor), sie dann aber auch nicht als Anti-These ausgebreitet dargestellt benötige.
An Heidegger wiederum behagt mir nicht, dass er mitunter eine ganz eigene Terminologie verwendete, die mir die Erschließung seiner Gedankenwelt doch arg erschwerte.
Gewiss, das mag gegen micht und nicht gegen Heidegger sprechen. Es verleidet es mir allerdings, mich ausführlicher mit ihm zu beschäftigen.
Besser gefielen mir da Verweise auf Johann Gottfried Herder. Bei ihm kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen, dass er im Baltikum zur Nationwerdung beispielsweise der Letten durchaus beigetragen hat. Sein Zugang ist interessant - er beschäftigte sich mit lokalen Volksliedern, betonte die Bedeutung der Sprache für die Nationwerdung etc. pp.
Exkurs: Leider hat der Autor nicht meinen Lieblings-Philosophen Friedrich Nietzsche behandelt, der zu dem Thema auch mit "Zum alten Probleme: Was ist deutsch?" (aus der "Fröhlichen Wissenschaft") etwas hätte beitragen können
So sieht auch Hans-Thomas Tillschneider die gemeinsame Sprache als Grundlage einer Volkskultur. Er differenziert indes feiner:
Denn es kann auch eine Staatskultur geben, die nicht mit dem Verbreitungsgebiet der Sprache übereinstimmt. Naheliegendes Beispiel: Deutschland und Österreich.
Die stärksten Staaten sieht der Autor da, wo beides übereinstimmt.
Der zweite Teil des Buches wird konkreter:
Denn hier teilt der Autor konkrete, greifbare Thesen für eine mögliche Kulturpolitik. Dabei betont er zunächst, wie stark ihn die Einengung von Kulturpolitik auf sogenannte "Kunst & Kultur" stört.
Denn Förderung von Kunst soll keineswegs alles sein, wenn es um Kulturpolitik geht.
Der Autor nennt daraufhin in jeweils einem Kapitel Bereiche, in denen seiner Ansicht nach Kulturpolitik greifen sollte:
- Staatsidentitätspolitik:
- Rechtspolitik
- Währungspolitik
- Religionspolitik
- Schulpolitik
- Universitätspolitik
- Kunstpolitik
In jedem der genannten Bereiche (= jeweils ein eigenes Kapital) nennt er seine Vorstellungen von deutscher Kulturpolitik, so wie er sie sich vorstellt.
Beispiel Kunstpolitik: Da solle der Staat keinerlei Kunst mit politischer Botschaft fördern. Grundsätzlich soll ein strikt neutrales Gremium Fördergelder vergeben. Als Gefahr sieht er, dass politisch opportune Botschaften gefördert werden. Als Negativbeispiel nennt er die staatliche Förderung der Überetzungen moderner arabischer Lyrik. Das sei keine deutsche Kulturpolitik und diese Mittel sollten eingespart werden.
Beispiel Währungspolitik: Da sieht er durchaus die untergegangene "Deutsche Mark" auch als Kulturgut. Ich lese Sympathie für eine edelmetall-gedeckte-Währung heraus, was ich durchaus teile. Ob der Weg zurück zur D-Mark indes sinnvoll wäre - wie hier aus kulturpolitischer Sicht gefordert - weiß ich nicht.
Beispiel Staatsidentitätspolitik: Da finde ich einige Punkte klasse, wie den Verweis auf das Parlament in der Frankfurter Paulskirche 1848. Auch der Reichsgründung 1871 könnte durchaus gedacht werden, obwohl die alles andere als optimal war. Übrigens ist dem Autor da ein kleiner Fehler unterlaufen, als er von einer Veranstaltung im Jahr 2021 als 250-Jahr-Feier der Reichsgründung schreibt (es waren 150 Jahre).
In der Religionspolitik vertritt der Autor die These, dass Politiker durchaus in der Kirche aktiv sein können/sollen - die Kirche selbst solle aber strikt unpolitisch sein. Staatliche Förderung soll komplett abgeschafft werden. So hätten die Priester auch einen Anreiz, mit ihren Aktivitäten zu überzeugen, und könnten sich nicht auf bequeme Kirchensteuer verlassen.
Meine Einschätzung:
Die Lektüre der ersten Hälfte des Buches fand ich eher ermüdend. Das mag daran liegen, dass mir die behandelten Philosphen aus dem einen oder anderen Grund nicht zusagen. Zudem ist der Schreibstil des Autors meist sachlich-neutral, was zusammen mit dem Thema manchmal in Richtung trockene Universtitäts-Vorlesung abgleitet.
Entsprechend halb weggedämmert schreckte ich erfreut hoch, als der Autor im zweiten Teil dann seine Thesen für eine deutsche Kulturpolitik in den genannten Bereichen behandelte. Das fand ich spannend zu lesen, da es sich um konkrete Vorschläge handelt.
Bei mehreren Vorschlägen stimmte ich zu, bei einigen sinniere ich noch, bei mehreren schüttelte ich ablehnend den Kopf. So finde ich, dass gerade das Christentum keiner spezifischen Kultur "gehört", es mithin kein deutsches Christentum gibt. An der Botschaft Jesu fasziniert mich der supra-nationale Aspekt, der auch über Klassen und Gruppen steht.
Doch auch wenn ich Thesen ablehnend sehe, können sie mich doch zum Nachdenken und Austarieren der eigenen Position bewegen. Das hat dieses Buch geschafft.
Mein Fazit
Nach Abwägung der genannten Punkte ein gemischtes Fazit meinerseits für:
Hans-Thomas Tillschneider: Kulturpolitik
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.