Serge Menga: Wie ich Deutschland lieben lernte
In meinem Studium der Neueren und Neuesten Geschichte gab es einmal eine Vorlesung mit dem Titel "Der bornierte Blick". Da ging es darum, wie im 15./16. Jahrhundert kulturelle Missverständnisse entstanden, weil Entdecker und "Entdeckte" den jeweils anderen mit eigenen Wertvorstellungen bewerteten.
Das musste nicht zwangsläufig negativ sein, es konnte auch skurril-lustig sein.
Ein Beispiel: Als die portugiesische Entdecker die Westküste Indiens erreichten, ist belegt, dass der portugiesische Befehlshaber Vasco da Gama ein Tänzchen hinlegte und in Hindu-Tempeln Rituale mitmachte, weil er sich freute, dass die Inder ihre katholischen Heiligen so verehrten. Die sähen zwar etwas komisch aus teilweise, aber egal.
Dass dies keine katholischen Heiligen waren, sondern z.B. der Hindu-Gott Ganesha mit Elefantenkopf, wusste er nicht und kam gar nicht auf den Gedanken, unvoreingenommen zu fragen. Bornierter Blick. Man sieht das, was man sehen will oder das, was man kennt oder meint zu kennen.
Ich selbst bemühe mich, möglichst unvoreingenommen durchs Leben zu gehen, bin mir aber durchaus bewusst, dass ich einen "bornierten Blick" nicht immer vermeiden kann. Und nun der Dreh zu einem Buch, das ich Ihnen kurz vorstellen möchte.
Denn in "Wie ich Deutschland lieben lernte" beschreibt der Autor Serge Menga Nsibu seinen Lebensweg. Und diesmal ist es meine Herkunfts-Kultur, die wiederum für ihn das Neue ist, das er entdeckte. Insofern interessierte es mich sehr, wie er - damals ein Flüchtlingskind aus dem Kongo - das Leben in Nordrhein-Westfalen sah und wie er sich entwickelte. Da er meine Altersgruppe ist, fand ich das besonders interessant.
Das Buch ist klassisch aufgebaut: Eigene Biographie, strikt chronologisch beschrieben
Das bedeutet, dass es mit dem Zeitpunkt der Abreise aus dem Kongo beginnt. Da war der Autor ca. 5 Jahre. An einigen Stellen zu Beginn des Buches winkte ich innerlich ein wenig ab...ja, schön und gut, aber diese Kleinkind-Erinnerungen sind jetzt nich sooo spannend, ob er jetzt eine warme Milch mit Prinzenrolle-Keks darin mochte oder nicht...
Doch bald merkte ich, dass es auch diese Kleinkind-Erinnerungen in sich hatten und den Autor dazu machten, was er ist. Ein Beispiel: Er reiste mit seinem Vater und Stiefmutter aus dem Kongo nach Europa. Seine leibliche Mutter blieb zurück und setzte sich dafür ein, dass er mitgehen konnte. Damit er ein besseres Leben haben würde...er sah sie dann erst ca. 20 Jahre später wieder. Was muss es für ein Kleinkind für Auswirkungen haben, wenn er sich dann von der eigenen Mutter verabschieden muss...."die letzte Umarmung meiner Mutter" heißt dazu ein Kapitelchen im Buch.
Es folgen zig Wendungen und Sackgassen, so landete Serge Menga Nsibu zunächst in der Schweiz, dann ging es weiter nach Belgien und dann in die Niederlande. Erfreulicherweise hat der Autor gute Erinnerungen an diese Zeit, so dass er aus Kindersicht gut beschreiben kann, was diese Entwurzelung und ständigen Neuanfänge mit ihm machten.
Zum einen wuchs er daran. Denn sein Vater und seine Stiefmutter bekamen ein weiteres Kind, und er wurde als Kleinkind eingebunden, sich darum zu kümmern, auch zu kochen etc. pp., sprich Verantwortung für die Familie zu übernehmen.
Und so ganz nebenbei berichtet er, wie es in den Flüchtlingsheimen zuging. Wie Gewalt innerhalb der Familien da an der Tagesordnung war. Auch in seiner eigenen Familie, als sein Vater seine Partnerin übel verprügelte...und der kleine Serge weinend im Nebenzimmer saß...
Mindestens zwei Fälle von sexueller Belästigung erlebte er auch, leider auch einen davon von einer Vertrauensperson, einem Betreuer in einem Jugendlager. Serge Menga Nsibu erläutert, dass gerade Kinder wie er "gerne" als Opfer ausgewählt wurden, weil in bestimmten kulturellen Kreisen solche Vorfälle totgeschwiegen würden. Während ein deutsches Kind das seinen Eltern berichtet hätte, die entsprechende Schritte eingeleitet hätten, sagten Kinder wie er nichts. Aus Angst, dann selbst dann von ihren Eltern verprügelt zu werden...
Das Lesen dieser Autobiographie war für mich eine emotionale Achterbahnfahrt.
Nach einiger Zeit fieberte ich mit dem Autoren mit. Da, eine neue Beziehung, ein Kind ist unterwegs...oh Nein, eine Fehlgeburt...und was ist das, er wird auf einer deutschen Polizeiwache geschlagen, er schildert Rassismus-Erlebnisse...Geldsorgen und Vorwärtskommen...
Der Autor wurde mir alleine dadurch sympathisch, dass er selbst für sein eigenes Weiterkommen sorgte und sich nicht auf "Ämter" und damit den deutschen Steuerzahler verließ. Und negative Erfahrungen versucht er zu verstehen, zu erklären. Das gilt auch am Beispiel gescheiterter Beziehungen, wozu er im Buch differenziert Stellung bezieht.
Geradezu zwangsläufig für einen mit offenem Blick durchs Leben gehenden Menschen wie ihn blickte er dann über den Tellerrand des Persönlichen hinaus. Als er Erfolg hatte, dachte er - inzwischen Deutscher - an sein Herkunftsland und startete im Kongo ein Projekt der Art "Hilfe zur Selbsthilfe". Das ist auch meine Devise, Stichwort Malawi-Gemüsegärten und andere (mehr dazu hier im Blog).
Ein Punkt machte mich allerdings zunächst skeptisch: Der Hinweis, dass ein Buch "gemeinsam" mit einer Journalistin geschrieben wurde - wie es hier der Fall ist - schreckt mich üblicherweise ab. Nach dem Motto, Dieter Bohlen Autobiographie, "zusammen mit...". Da habe ich selbst einen bornierten Blick und gehe davon aus, dass diese andere Person alles geschrieben hat und der auf dem Cover genannte Autor im Plauderton ein paar Anekdoten beigesteuert hat.
Hier indes wirkt es äußerst authentisch und mein Eindruck ist, die Co-Autorin hat schlicht und einfach für sprachliche Glättung gesorgt. Würde ich auch benötigen, wenn ich in den Kongo auswandern würde und da nach Jahren vor Ort in Lingala (dortige Umgangssprache) ein Buch schreiben würde...
Mein Fazit:
Diese Autobiographie ist alles andere als ein peinlicher Ego-Trip mit Selbstbeweihräucherung. Im Gegenteil, der interessante Autor hat wirklich etwas zu sagen und schreibt auch noch spannend, kurzweilig und durchaus mitreißend. Ich habe diese Autobiographie mit Lesegenuss und Erkenntnisgewinn verschlungen.
Serge Menga Nsibu: Wie ich Deutschland lieben lernte
Angenehme Lektüre!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M. A.