Zero Sum Mindset
Vor einigen Monaten hatte ich hier bei Ethische Rendite eine - wie ich finde - höchst interessante Neuerscheinung besprochen: Das Buch "Weltraumkapitalismus" von Rainer Zitelmann (hier meine Rezension).
Da mir das Buch sehr gut gefallen hatte, merkte ich mir den Autoren: Dr. Reiner Zitelmann
Und als ich sah, dass dieser Autor bereits ein weiteres Buch veröffentlicht hat, ganz aktuell, las ich auch dieses. Auch dazu meine Anmerkungen:
Der Untertitel des Buches bringt es auf den Punkt, worum es geht, ich zitiere:
Die Nullsummenfalle - warum alle mehr gewinnen, wenn wir anders denken
Dazu möchte ich etwas ausholen. Im Studium hatte ich das persönliche Glück, für den Wirtschafts-Nobelpreis-Träger Prof. Dr. Reinhard Selten zu arbeiten.
Nerd-Einwurf: "Wirtschafts-Nobelpreis" ist umgangssprachlich, korrekt ist Alfred-Nobel-Gedächnispreis für Wirtschaftswissenschaften
Dessen Thema - und meine Leidenschaft - waren und sind: Spieltheorie.
Es geht da um Dinge wie das Finden eines Gleichgewichts bei Strategiespielen. Grundlagen sind Dinge wie Entscheidungsbäume, Wahrscheinlichkeitsrechnung, bedingte Wahrscheinlichkeiten etc. pp.
Aber es geht eben nicht mit "Rechnen", denn was Prof. Selten und auch ich schon damals wussten, war:
Die vorherrschende Theorie des "homo oeconomicus" (vollkommen rationale Wirtschaftssubjekte) ist "Bullshit".
Die Menschen sind keineswegs vollständig rational, auch in Wirtschaftsspielen und in der Wirtschaft generell spielt irrationales Verhalten eine durchaus wichtige Rolle. Kann ich aus persönlichem Handeln nur bestätigen.
Was das mit dem neuen Buch von Dr. Zitelmann zu tun hat:
Eine Menge!
Denn schon damals ging es in der Spieltheorie auch um die Nullsummen-Mentalität.
Falls der Gewinn des einen nur durch Verluste des anderen zustande kommt, dann wird ganz anders agiert/gespielt, als wenn z.B. durch kooperatives Verhalten beide gewinnen.
Und genau hier setzt das neue Buch an.
Denn eine zentrale These von Rainer Zitelmann ist die Warnung vor genau dieser Nullsummen-Mentalität.
Gewiss, es gibt Nullsummen-Situationen. Beispiel Zulassung zu einer Universität, eine begrenzte Zahl von Plätzen. Wenn für eine Gruppe die Zugangswahrscheinlichkeit erhöht wird, senkt das im Gegenzug die Zugangswahrscheinlichkeit für eine andere Gruppe.
Wenn hier eine Gruppe gewinnt, verliert die andere.
Doch das darf nicht zu dem Trugschluss verleiten, dass in der Wirtschaft Nullsummen-Situationen allgemein verbreitet sind.
Leider denken aber zahlreiche Menschen genauso.
Rainer Zitelmann verweist z.B. auf die Linkspartei. Er zitiert Beispiele, die zeigen, dass z.B. dort die Wahrnehmung ist, dass Milliardäre nur auf Kosten vieler durchschnittlicher bzw. armer Menschen reich geworden sind.
Der Logik zufolge würde es der Masse der Menschen bessergehen, wenn Milliardäre "abgeschafft" würden.
Doch ist das der Fall?
Da der Autor Historiker und Soziologe ist, arbeitet er akribisch heraus, dass dies eben nicht der Fall ist. Auch im Falle der "Zölle" herrscht ein Nullsummenspiel.
Stattdessen kann Freihandel auf Seiten aller Beteiligten den Wohlstand erhöhen. Ebenso bei den "Milliardären", wenn diese wie z.B. Elon Musk etwas aufgebaut (und nicht passiv geerbt) haben und dadurch zu volkswirtschaftlichen Verbesserungen beigetragen haben.
Dann sei es auch gerechtfertigt, wenn sie einen Teil der Monopolgewinne erhalten. Als Belohnung und Anreiz für Unternehmer in anderen Bereichen.
Wer hingegen eine "Nullsummen-Mentalität" hat, ist stattdessen der Ansicht, es sei "ungerecht", dass manche so viel verdienen, das geschehe doch auf Kosten anderer...
Nein, das Wirtschafts-Leben ist kein Nullsummen-Spiel, bis auf wenige Ausnahmen, so die wohl begründete These des Autoren.
Also klare Leseempfehlung meinerseits?
Nicht so schnell. Denn gewiss, der Autor hat eine zentrale These und zeigt anhand zig empirischer Untersuchungen den Stand der Dinge zum Thema Nullsummen-Mentalität.
Ich fand die Lektüre aber nach einer gewissen Zeit ermüdend. Denn ich stimme den zentralen Thesen des Autoren zu und habe durch meine Arbeit mit Prof. Selten auch gewisses Vorwissen.
Da war es für mich schlicht und einfach ermüdend, immer wieder Belege für die These serviert zu bekommen. Und noch mehr Belege.
Das war für mich das, was der Angelsachse "preaching to the converted" nennt - bereits Konvertierten etwas predigen. Doch diese müssen gar nicht mehr überzeugt werden.
Deshalb insgesamt ein gemischtes Fazit meinerseits für:
Rainer Zitelmann: Zero Sum Mindset
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Angenehme Lektüre!
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.