Wir verlieren dieses Land
Angenommen, Sie sind gerade in Hochstimmung...
...und denken sich, im Wege eines ausgeglicheneren Lebens möchte ich bitte aktuell weniger glücklich und unbefangen sein.
Für diesen Fall habe ich einen Tipp für Sie: Die Lektüre der Neuerscheinung "Wir verlieren dieses Land" der Beststeller-Autorin Liv von Boetticher.
Denn zumindest meine Wenigkeit war nach der Lektüre dieses Buchs regelrecht deprimiert, auf gewisse Weise fassungslos - aber auch wütend.
Damit möchte ich zum Ausdruck bringen, dass dieses Buch alles andere als eine Wohlfühl-Lektüre ist. Keine leichte Strand-Lektüre.
Aber auf gewisse Weise ist es ein notwendiges Buch zur politischen Bildung für diejenigen von uns, denen unser Land am Herzen liegt.
Das Thema des Buches ist die Kriminalität in Deutschland.
Und Kern des Buches sind zahlreiche Gespräche mit Polizisten, welche die Autorin geführt hat.
Es geht da weniger um offizielle Pressekonferenzen zum Beispiel zur Vorlage neuer Statistiken. Vielmehr geht es darum, dass die Autorin in erster Linie mit denjenigen gesprochen hat, die vor Ort sind, wenn kriminelle Lagen entstehen. Langjährige Einsatzkräfte, auch "Dorfpolizisten" - Polizisten eben.
Und sie ist auch nach Afghanistan gereist. Eine Erkenntnis von dort:
Junge Männer, die aus Afghanistan nach Deutschland einreisen, kommen aus einem Land, das in globalen "Geschlechter-Gerechtigkeit" Rankings den letzten Platz einnimmt.
Anzunehmen, dass solche jungen Männer dann in Deutschland für die Gleichberechtigung von Mann und Frau eintreten, sei bestenfalls naiv.
Sie räumt mit dem Mythos der schutzbedürftigen Flüchtlinge und der wohlwollenden einheimischen Bevölkerung auf. Und sie differenziert wohltuend.
Die EU-Osterweiterung beispielsweise habe zu kaum Problemen zum Beispiel mit Einwanderern aus dem Baltikum geführt.
Und auch von Ostasiaten (Japaner, Koreaner, Chinesen) hört man eher selten, dass sie Gewaltkriminalität verüben oder in Gruppenschlägereien verwickelt sind.
Sie zitiert die Polizisten, die aus ihrer Arbeit vor Ort berichten.
Deren Eindrücke werden durch Statistiken bestätigt: Es sind gewisse Gruppen, die in der Kriminalitätsstatistik deutlich überrepräsentiert sind. Es wird wohl kaum überraschen, wenn da neben Afghanen auch Syrer genannt werden.
In diesem Buch kommt der Frust der Einsatzkräfte und normalen Polizisten sehr gut zum Ausdruck. Der Frust, dass viele Straftäter schon wenige Stunden nach der Festnahme wieder frei herumlaufen. Der Frust darüber, dass auch Intensiv-Straftäter ausländischer Herkunft kaum einmal abgeschoben werden.
Der Frust darüber, dass es von der Politik kaum Rückendeckung - aber umso mehr Gegenwind gibt. Als Beispiel wird die Kölner Silvesternacht 2015 genannt, als massiv Frauen vor Ort von nordafrikanischen jungen Männern belästigt und auch bestohlen wurden.
Doch statt den Fokus auf diese Problemgruppe zu legen, kam die Polizei in der Kritik - weil sie den Begriff "Nafri" verwendete. In den Gesprächen der Autorin mit Polizisten wird klar, wie frustrierend dass für die Polizisten gewesen ist.
Eine gewisses Behördenversagen kann ich selbst bestätigen, anekdotische Evidenz:
2015 - im Zuge der massiven Welle von Migranten aus Afghanistan und Syrien - ging ich in das Aufnahmelager meiner Gemeinde vor Ort und merkte, wie chaotisch es dort zuging. Ich gab zusammen mit einem örtlichen Pastor Sprachunterricht und versuchte, den jungen Männern Dinge wie Rheinromantik und Gleichberechtigung von Mann und Frau zu erläutern.
Dabei bekam ich mit, dass ein "unbegleiteter junger Flüchtling" gleich bei mehreren Gemeinden angemeldet war, jeweils unter anderem Namen. So jung kam er mir auch gar nicht vor, er sollte 17 sein (geboren am 1. Januar...), kam mir eher wie Anfang 20 vor.
Als ich das später der für ihn zuständigen Sachbearbeiterin mitteilte, war ich regelrecht fassungslos angesichts ihrer Reaktion. Diese Reaktion lautete sinngemäß - ach, der Arme, bestimmt ist er so traumatisiert, dass er immer weitergezogen ist von Gemeinde zu Gemeinde. Wir werden schauen, wie wir ihm helfen können, sein Trauma zu verarbeiten.
Das war 2015.
Im Buch gibt es zahlreiche Beispiele aus Sicht von Polizisten, in denen diese angesichts ähnlichen behördlichen Versagens frustriert sind. Und wer so etwas über Jahre erlebt, der kann die Motivation verlieren und nur noch Dienst nach Vorschrift absolvieren.
Die Lektüre des Buchs hat mich deshalb deprimiert, weil ich unser Land liebe und es nicht mag, wenn negative Entwicklungen manchmal noch nicht einmal beschrieben werden sollen. Im Buch nennt die Autorin zig Beispiele von Polizisten, die regelrecht verzweifeln, weil sie in Einsatzberichten keinen Klartext schreiben dürfen, sondern politisch korrekt formulieren sollen, politische Vorgabe.
Als (frustrierende) Bestandsaufnahme und Herleitung der aktuellen Situation leistet dieses Buch wertvolle Dienste.
Und trotz der leicht depressiven Stimmung, die durch die Lektüre bei mir entstand, möchte ich dieses Buch unbedingt empfehlen:
Liv von Boetticher: Wir verlieren dieses Land
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Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.