Geld, Macht, Verbrechen
Das klang für mich nach einer interessanten Sommer-Lektüre: "Von Finanzskandalen, Wirtschaftskriminellen und Geheimagenten" - so der Untertitel des neuen Buchs "Geld, Macht, Verbrechen" von Fabio Di Masi.
Vor diesem klugen Kopf (übrigens Diplom-Volkswirt) verneige ich mich zunächst virtuell.
Denn im Interesse unseres Staates hat er im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Wirecard-Affäre wertvolle Recherche-Vorarbeite geleistet - und wie ein "harter Hund" kritische Fragen gestellt. Ohne Respekt vor dem Amt, zum Beispiel wie einige Zeit davor bei der "Cum-Ex"-Affäre, als er auch Olaf Schulz ins Verhör nahm. Damit hat er sich meinen Respekt als Kämpfer für Gerechtigkeit erworben.
Entsprechend positiv voreingenommen las ich sein neues Buch.
Wenig überraschend beschreibt Fabio Di Masi darin ausführlich die Finanzskandale, an denen er persönlich im Rahmen z.B. parlamentarischer Untersuchungsausschüsse beteiligt war.
Doch zunächst schildert der Autor auf rund 20 Seiten seinen persönlichen Hintergrund. Das gehört nicht zum Hauptthema des Buches - ich fand es aber dennoch bzw. gerade deshalb sehr wertvoll. Denn so wird klarer, wie der Autor "tickt", wie er aufgwachsen ist, was ihn vielleicht geprägt hat...
Das Buch selbst ist in drei große Teile aufgesplittet:
- Im Teil 1 geht es um grundlegende Dinge wie die "Macht der Finanzmärkte". Hier sah ich viele Dinge anders als der Autor. Für ihn scheinen Investoren grundsätzlich von Übel zu sein, der Staat soll möglichst viel regulieren. Wie gesagt, ich persönlich sehe das anders, aber ich messe meine eigenen Ansichten gerne mit denen von jemandem, der offenkundig Fachexpertise in dem Bereich hat.
- Im Teil 2 geht es dann um die Finanzskandale, die "Steuertricks der Multis". Es beginnt mit "Erinnerungslücken" von Jean-Claude Juncker, der von Di Masi "gegrillt" wurde. Kernstück des Buches ist der "Cum-Ex" und der "Cum-Cum"-Skandal. Wenn Sie im Moment von einem Übermaß an guter Stimmung betroffen sind und dies im Sinne von "Ying Yang" beheben möchten, ist dieser Teil des Buches sehr hilfreich. Denn die gute Stimmung wird zumindest für deutsche Steuerzahler schnell gedrückt.
- Im Teil 3 wird der Wirecard-Skandal behandelt. De Masi kann da aus dem Nähkästchen plaudern, was parlamentarische Untersuchung und Kritik betrifft. Sein Vorgehen und "Dranbleiben" an diesem Fall finde ich vorbildlich.

Ein Teil des Inhaltsverzeichnisses. Quelle: Rowohlt Verlag
Mein Fazit: Lese-Empfehlung - mit Einschränkung
Wer an Wirtschaft und Gerechtigkeit und Kriminalfällen interessiert ist, für den dürfte diese Neuerscheinung genau das Richtige sein. Alleine die so einfache wie anschauliche Beschreibung des komplexen Cum-Ex Sachverhalts mit Hilfe eines lebensnahen Gleichnisses (Bierflasche, Pfandautomat, Pfandbon...) finde ich genial.
Klasse finde ich auch die Lösungsvorschlage von Herrn Di Masi wie mehr Personal in der Steuerfahnung (macht sich von selbst mehr als bezahlt) oder die Einrichtung einer eigenen Bafin-Bilanzkontrolle (statt sich auf die großen Wirtschaftsoprüfungskanzleien zu verlassen).
Doch auch einen Wermutstropfen kann ich nennen. Mehrfach hatte ich bei der Lektüre des Buchs das Gefühl: Warum hat der Autor dies nicht bereits früher veröffentlicht? Als die Wirecard-Affäre gerade beendet war, hätte dieses Buch Bestseller-Status erreichen können. Das gilt auch für das große Cum-Ex bzw. Cum-Cum Kapitel. Und wie Di Masi Jean-Claude Juncker "grillte", ist zwar nett zu lesen - mehr aber auch nicht. Denn das geschah bereits im Jahr 2015. Bei der Lektüre winkte ich da etwas gedanklich ab, nach dem Motto, "lang ist´s her und kaum noch relevant".
Fabio De Masi: Geld, Macht, Verbrechen
Eine kostenlose Leseprobe finden Sie bei Interesse unter diesem Link.
Angenehme Lektüre!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.