Kann das stimmen?! Jeder Euro Entwicklungshilfe bringt 2,50 Euro mehr Exporte
Frei nach Goethes Faust dachte ich eben, Zitat:
"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust"
Und zwar beim Sinnieren über das Thema Entwicklungshilfe.
- Da ist die eine meiner beiden Seelen (um im Bild zu bleiben) die des Investoren mit Herz und Verstand: Als solcher freut es mich wirklich von Herzen, wenn insbesondere auf meinem geliebten Kontinent Afrika Entwicklungshilfe Positives bewirkt. Ich selbst habe gemerkt, was eine Anschubfinanzierung in Gang setzen kann, Stichwort Gemüsegärten in Malawi. Mehr dazu hier auf der Seite unter der Rubrik "Ehrenamt": https://www.ethische-rendite.de/ehrenamt/
- Die andere meiner beiden Seelen ist die des deutschen Steuerzahlers. Und da war ich in den vergangenen Monaten "not amused", als ich las, für was unsere Steuergelder teilweise ausgegeben werden - unter dem Thema "Entwicklungshilfe".
Wenn Sie für Punkt 2 nach Beispielen fragen - gewiss, hier sind zwei Beispiele:
Beispiel 1
Die staatseigene KFW-Bank meldet auf ihrer Internetseite, dass Deutschland 10,0 Mio. Euro an den"Danish Refugee Council" überwiesen hat. Damit sollen Frauen in den "ländlichen Gebieten der Gouvernements Hodeidah, Hajjah, Sa'ada, Lahj und Taiz" im Yemen wirtschaftlich gestärkt werden.Bei den Frauen in den genannten Regionen Yemens soll die "hausliche ARbeitsbelastung und geschlechterspezifische Barrieren" reduziert werden. Hingegen sollen ihr "Zugang zu Märkten und finanziellen Ressourcen" verbessert werden. "Langfristig", wohlgemerkt.
Quelle: KFW, dieser Link zum Projekt
Dafür gab es diese 10 Mio. Euro "Zuschuss" von deutschen Steuerzahlern.
Hier haben wir einen „was-zum-Kuckuck“-Effekt! Zumindest in meiner Wahrnehmung.
Beispiel 2:
Mit 5,112 Mio. Euro deutsccher Steuergelder wurde ein Projekt "Wassereinzugsgebietsmanagement" in Laos gefördert. Dort sollten "tragfähige Lösungen für Entwicklungsprobleme in Wassereinzugsgebieten in Nam Ton erarbeitet und erprobt werden (Outcomeziel)".
Zielgruppe? "Ca. 32.000 Bewohnende der Projektregion"
Quelle: KFW, dieser Link zur Evaluation des Projekts
Die KFW nennt als Fazit dieses abgeschlossenen Projekts: "eher nicht erfolgreich".
Und so weiter, und so fort. Wenn Sie sich aktuell denken, ich habe zu gute Laune, was kann ich dagegen tun? Dann schauen Sie doch einmal in das "KfW-Transparenz-Portal zur Entwicklungsfinanzierung!".
Und nun der Bogen zu einer aktuellen Nachricht:
"Jeder Euro Entwicklungshilfe bringt 2,50 Euro Export" las ich in einem Artikel des Handelsblatts vom 24. August 2026 (hier abrufbar)
Dort hieß es unter anderem, ich zitiere:
Die Ausgaben für Entwicklungshilfe haben enorm positive Folgen für die deutsche Wirtschaft, zeigt eine neue Studie. Die Hilfe sichere auch hierzulande hunderttausende Arbeitsplätze.
Also alles dufte, auch die 10 Milliönchen an den Danish Refugee Council erhöhen die deutschen Exporte?
Ich bekenne, nach dem Lesen des Handelsblatts-Artikels durchaus skeptisch gewesen zu sein. Der gesunde Menschenverstand stellte sich dem Gelesenen entgegen - das ich spontan eher als "Geschiche aus dem Paulanergarten" einordnete.
Doch wozu hat uns Gott den Verstand gegeben? Also direkt einmal die im Artikel genannte Quelle für die Aussage "Jeder Euro Entwicklungshilfe bringt 2,50 Euro Export" gelesen. Und das ist eine aktuelle Studie.
Diese Studie (47 Seiten) mit dem lyrischen Titel
"More than Meets the Port: Donor Export Effects of Foreign Aid Revisited"
finden Sie komplett unter diesem Link.
Beim Lesen der Studie musste ich zuerst ein lautes Lachen unterdrücken: Denn die Studie wurde erstellt im "Auftrag der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW)"
Wie heißt es so schön? Wer die Musik bezahlt, bestimmt, was gespielt wird.
Als Diplom-Volkswirt schaue ich bei solchen Studien gerne in die Annahmen. Denn gewiss, plump ein Wunschergebnis geliefert wird bei Studien eher selten. Aber an den Annahmen lässt sich durchaus etwas "drehen", so dass vielleicht ein etwas gewünschteres Ergebnis herauskommt.
Was mir bei dieser Studie auffiel:
Bereits in der Einleitung wird auf Seite 3 auf die Ergebnisse eines älteren Zeitraums (1973 - 2011) verwiesen. Und da gab es keineswegs 2,50 Euro mehr Exporte für jeden Euro Entwicklungshilfe. Stattdessen, ich zitiere:
In Germany’s case, for every euro of German development aid, there was an estimated return of EUR 0.83 in increased exports (period 1973-2011).
Inzwischen soll es aber sehr viel besser aussehen.
Ich schlackerte mit den Ohren, als ich las, dass die Studie aber nur zwischen 12% und 44% der gesamten Entwicklungshilfe-Kosten berücksichtigt. So werden zum Beispiel überregionale Zuschüsse oder Schuldenerlasse nicht berücksichtigt.
Das Ergebnis "2,50 Euro mehr Exporte für jeden Euro Entwicklungshilfe" bezieht sich also nach der Studie nur auf 12% bis 44% der gesamten deutschen Entwicklungshilfe.
Zudem sehen die Ergebnisse ganz anders aus, wenn Länder wie China herausgenommen werden.
Zudem frage ich mich grundsätzlich in Bezug auf die Methodik, wie es vollständig isoliert werden kann, ob Entwicklungshilfe tatsächlich neue Exporte generiert oder ob Geberländer ihre Hilfsgelder strategisch bevorzugt in Märkte leiten, die ohnehin dynamisch wachsen oder bereits institutionalisierte Handelsbeziehungen zum Geber aufweisen.
Nach dem Motto: Die Exporte in dieses Land wären vielleicht ohnehin gestiegen, unabhängig von etwaiger gezahlter Entwicklungshilfe.
Dann irritierten mich die divergierenden Ergebnisse der Studie. Im Fall von Dänemark fielen die Ergebnisse kaum statistisch signifikant aus. Im Fall von Norwegen ergab sich teilweise sogar ein negativer Zusammenhang zwischen bilateraler Entwicklungshilfe und Exporten, wenn ich das richtig verstanden habe. Aber im Fall der deutschen Entwicklungshilfe soll das Ergebnis äußerst positiv ausfallen.
Die Studie lässt - natürlich - auch Opportunitätskosten alternativer Mittelverwendungen völlig außer Acht. Damit meine ich: Wenn zum Beispiel die 10 Mio. an den Danisch Refugee Council in Infrastruktur-Investitionen in Deutschland geflossen wären, hätte das die heimische Wirtschaftskraft auch erhöht. Wobei ich beim Wort "auch" gerade in diesem Beispiel vorsichtig bin.
Und es geht hier ja nicht "nur" um 10 Mio. Euro, sondern um Milliardenbeträge.
Mein Fazit:
Für mich klingt das nach "zu schön, um wahr zu sein". Jeder Euro deutscher Entwicklungshilfe soll 2,50 Euro mehr deutsche Exporte mit sich bringen? Ich kann da nach dem Lesen der Studie und der Recherche in den deutschen Entwicklungshilfe-Projekten nur müde lächeln. Es wäre ja wirklich klasse, wenn es so wäre. Ich beende diesen Beitrag, wie ich ihn begonnen habe - mit einem Zitat aus Goethes Faust:
Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.