Rezension: Frozen Conflicts

Rezension: Frozen Conflicts

In den vergangenen Tagen habe ich ein Buch verschlungen - und zwar diese Neuerscheinung:

Ulrike von Hirschhausen: Frozen Conflicts

Die Autorin kannte ich bereits, da ich zuvor ihr opus magnus "Empires"...

(gut 600seitiges Buch zur Globalgeschichte der Imperien des Zeitraums 1780 bis 1920, geschrieben zusammen mit Jörn Leonhard)

...gelesen und für sehr gut befunden hatte (hier meine Rezension dazu).

Für ihr neues Buch wählte die Autorin erneut einen englischsprachigen Titel, hier "Frozen Conflicts".

Der Name ist Programm, denn es geht in der Tat um "eingeforene" geopolitische Konflikte.

Das Thema finde ich höchst interessant, denn unsere Welt ist nun einmal nicht immer binär, auch nicht bei der Geopolitik.

Beispiel Ukraine-Krieg. Da steht der eine auf der und der andere auf der Seite - beide eint vielleicht die Ansicht, dass der Konflikt ja irgendwann enden wird und dann die oder die Seite Gewinner sein wird.

Die Autorin hingegen lenkt den Blick darauf, dass es eben auch...

...nicht-binäre Ausgänge von geopolitischen Konflikten gibt.

Bildlich gesprochen eben ein "Einfrieren" der Konflikte, ohne klares geopolitisches Ergebnis.

Das mag unbefriedigend sein - kann aber ein überraschend stabiler Zustand sein. Und die Menschen vor Ort arrangieren sich manchmal durchaus damit.

Die Autorin behandelt in insgesamt 8 Kapiteln solche "eingefrorenen Konflikte", siehe das Inhaltsverzeichnis (Quelle: Verlag):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da sind zum einen eher bekannte Fälle wie Taiwan, Zypern und Palästina/Israel.

Erfreulicherweise für mich als Osteuropa-Interessierten untersucht die Autorin in einem Kapitel aber auch die Lage in den Regionen Abchasien, Transnistrien und Süd-Ossetien.

Auch Kosovo und Somaliland werden in ihrem Buch behandelt.

Dabei finde ich die Struktur des Buchs sehr gelungen. Denn jeder "Fall" wird auf ca. 30 Seiten behandelt, inklusive Landkarte und Datenkasten (beides sehr hilfreich).

Dabei geht die Autorin sowohl auf die Geschichte des Konflikts ein als auch auf die Einordnung. Es handelt sich mithin um kein klassisches Geschichtsbuch, da mehrere Themen behandelt werden. Stichwort Geopolitik, Völkerrecht, Wirtschaft, Soziologie, auch Völkerkunde und Dinge wie Frauenrechte.

Da ich selbst Historiker bin und mich für Ostmitteleuropa sehr interessiere, fielen mir einige sachliche Fehler auf.

  • Beispiel Ukraine-Kapitel: Da schreibt die Autorin, dass in der Region Galizien in Österreich-Ungarn bis 1918 Deutsch die Amttsprache war. Das stimmt so nicht. Wie jeder Joseph Roth-Leser bestätigen kann, war dort die Bauernschaft ukrainisch, in den Städten waren jedoch Polnisch- und Jiddisch-Sprachige in der Mehrheit. Im galizischen Landtag war entsprechend meist Polnisch die Verhandlungssprache.
  • Beim Thema Kosovo schreibt die Autoren, dass die ethnischen Serben mehrheitlich der griechisch-orthodoxen Kirche angehören. Meines Wissens nach ist indes die serbisch-orthodoxe Kirche da vorherrschend.

Doch das sind im Grunde Kleinigkeiten, wie sie in jeder wissenschaftlichen Arbeit vorkommen und in einer späteren Auflage korrigiert werden können. An der Autorin schätze ich, dass Ihr Buch eine klare Struktur hat und gut geschrieben ist. Es ist allgemeinverständlich und zeigt teilweise überraschende Aspekte auf.

Die Autorin lässt auch ihre persönliche Ansicht einfließen darüber, wie die Europäische Union sich im jeweiligen Konflikt besser positionieren könnte. Diese Ansichten finde ich nicht immer überzeugend, aber das müssen sie ja auch gar nicht - es geht darum, meinungsstark eigene Positionen zu vertreten und diese zu begründen. So können Leser - wie ich - ihre eigene Position daran abgleichen, geraten vielleicht ins Grübeln, sinnieren, hinterfragen...

...und wenn ein Sachbuch das schafft, ist das für sich genommen bereits ein Erfolg, finde ich. Mein Fazit ist eindeutig.

Klare Lesesempfehlung meinerseits für:

Ulrike von Hirschhausen: Frozen Conflicts

Eine kostenlose Leseprobe in Form einer PDF-Datei finden Sie bei Interesse unter diesem Link.

Angenehme Lektüre!

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M.A.

Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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