Rezension: Wie nennt ihr dieses Land hier?
Reiseschriftsteller und Journalisten auf Auslandreise, die darüber berichten, finde ich seit meiner Jugend klasse.
So habe ich die Afrika-Reiseberichte des polnischen Journalisten Ryszard Kapuściński genauso verschlungen wie die Bücher Peter Scholl-Latours. Sie mögen beide in Frieden ruhen.
Da von den beiden keine neuen Bücher zu erwarten sind, machte ich mich auf die Suche nach vergleichbarem Lesestoff. Und dabei stieß ich auf den Autor Tuvia Tenenbom.
Seine Biographie finde ich interessant: Tuvia Tenenbom (Jahrgang 1957) ist jüdisch-deutsch-polnischer Abstammung und lebt in New York.
Er schrieb bereits einige Reiseberichte, u.a. zu seinen Erfahrungen in Deutschland, und gab sich teilweise aus Deutscher aus, um in Israel/Palästina nicht auf Voreingenommenheit zu stoßen.
Er selbst ist das, was ich als "unvoreingenommen" bezeichnen würde.
Und das ist in der heutigen Zeit, in der doch einige Autoren und Journalisten "belehren" möchten (so mein unmaßgeblicher Eindruck), erfrischend.
Und Tuvia Tenenbom hat ganz frisch ein Buch über den Nahost-Konflikt veröffentlicht. Genauer gesagt: Über die Lage in der sogenannten "Westbank".
Dazu reiste er dorthin - und verbrachte Wochen und Monate vor Ort. Und das mitten im Kriegs- und Krisenjahr.
Wie es sich für einen Reise-Journalisten gehört, sind die Kapitel des Buches kurz und knackig und gut lesbar.
Die Titel verraten einiges, doch nicht alles und haben mich in die Kapitel reingezogen.
So lauten einige Titel "Vor Jüdinnen, die Eiscreme sprachen, muss man fliehen!" oder "Haarschnitt gefällig? Beim Barbier des Propheten!"
Tenenbom geht die Wege abseits des Mainstreams und ist erfrischend offen, unvoreingenommen und auch gleichzeitig humorvoll.
So beginnt er zum Beispiel eben nicht mit der Dichotomie "Westjordanland - jüdisch oder arabisch", sondern differenziert.
Und da passt es, dass er sein Buch mit einem Besuch bei den Samaritanern im Westjordanland beginnt.
Die sind nämlich eine eigene Gruppe (in der Bibel kennt man vielleicht den "barmherzigen Samariter"), die mir vorher unbekannte Hügel als heilige Orte betrachten und inzwischen nur noch wenige Hundert Personen ausmachen.
Die Beschreibung der Gespräche des Autoren mit Angehörigen dieser Gruppe fand ich höchst interessant.
Und so geht es weiter. Tuvia Tenenbom lässt sich treiben, trifft Siedler, Araber, Journalisten, Politiker, Soldaten - und alle Begegnungen zeichnet dies aus: Er hört mit offenen Ohren zu, begegnet allen Personen mit Respekt.
Die Welt wäre ein besserer Ort, wären die Menschen diesbezüglich generell mehr wie Tuvia Tenenbom.
Ich habe die Lektüre des Buches sehr genossen. Das lag auch daran, dass Tuvia Tenenbom in seinen Texten durchaus Humor aufblitzen lässt - was bei diesem recht schwierigen Thema alles andere als selbstverständlich ist.
Eine literarische Reportage par excellence
- ich persönlich bin froh, diesen Autoren für mich entdeckt zu haben.
Einen Nachteil allerdings möchte ich ansprechen: Ich habe die Taschenbuch-Ausgabe gelesen, und die Seiten waren da schlecht verleimt, nach kurzer Zeit fiel direkt eine Seite heraus. Ich weiß nicht, ob das ein generelles Qualitäts-Problem der Taschenbuch-Ausgabe ist.
Insgesamt Lese-Empfehlung meinerseits für:
Eine kostenlose Leseprobe finden Sie bei Interesse unter diesem Link.
Angenehme Lektüre!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.