Staatenlos

Staatenlos

Vor vielen Jahren schrieb mir ein Leser und fragte mich, ob er mich auf ein Getränk einladen darf. Er würde in der Nähe meines damaligen Wohnsitzes am Rhein vorbeikommen und würde mir gerne seinen - unabhängigen - Lebensstil erläutern.

Ich traf ihn wenig später - und es war ein Treffen, das mir bis heute gut in Erinnerung geblieben ist. Denn seinen Lebensstil fand ich sehr interessant.

Besagter Leser war Schweizer und hatte seine Immobilie in der Schweiz verkauft, um sich dafür einen Katamaran zuzulegen. Und zwar den, auf dem er mich begrüßte. Dieser war zudem mit Photovoltaik-Modulen ausgestattet, weshalb er z.B. auch sein Smartphone damit aufladen konnte. Er erläuterte:

Er sei alleinstehend und fahre seit geraumer Zeit mit seinem Solar-Katamaran durch die Welt. Er sei kein Leichtmatrose, sondern könne mit seinem Katamaran auch über Ozeane reisen. Sein nächstes Ziel sei die Atlantik-Überquerung, auf in die Karibik. Ich könne das via Satellit verolgen.

Das Schiff sei seine Heimat - er bliebe nur so lange an einem Ort, wie es ihm gefällt. Die Finanzierung? In meiner Erinnerung lächelte er verschmitzt und ging mit mir zu einer Kiste. Einer Holzkiste, so wie ich sie mir früher als "Schatzkiste" vorgestellt hatte. Er öffnete sie: Sie war gut gefüllt mit Goldmünzen.

(Und zwar nicht wie bei uns früher als Kindern mit Goldmünzen mit Schokoladenfüllung.)

Mit echten Goldmünzen, vielleicht waren es 1/4 Feinunzen Krüger-Rand, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls erläuterte der Leser mir: Wenn er an einem Ort anlegt, an dem er einige Zeit bleiben möchte, dann greift er in seine Schatztruhe und geht zur örtlichen Bank oder Sparkasse. Die Goldmünzen bekommt er immer in lokale Währung getauscht. Egal, ob in der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden oder Nordafrika oder einem Ort in der Karibik. Das sei sein Leben - unabhängig und frei.

Diese Erinnerung "ploppte" in meinem Hirn auf, als ich neulich die Ankündigung einer Buch-Neuerscheinung sah:

"Staatenlos" von Christoph Heuermann.

Der Autor sagte mir durchaus etwas. Und zwar habe ich ihn als Vielreisenden wahrgenommen.  Ich erinnere mich daran, in einer Publikation von ihm einige höchst interessante Reisetipps gelesen zu haben. Es ging da um Dinge wie "minimalistisch reisen", Tipps für Grundausstattung, die auch als Handgepäck durchgeht, konkrete Empfehlung für Rucksack etc. pp.

Und in der Neuerscheinung "Staatenlos"steht auf Seite 144, dass der Autor von den 330 autonomen Jurisdiktionen (in erster Linie Staaten) weltweit "fast alle besucht habe".

Es geht in diesem neuen Buch aber nicht um Reiseberichte, sondern um Grundsätzlicheres. Der Untertitel des Buchs lautet:

Ein globales (steuer)freies Leben mit der Flaggentheorie

Die Grundidee des Autors lautet sinngemäß: Warum alles in dem Land haben, in das man (ohne eigenes Zutun) hineingeboren wurde? Warum dort leben, arbeiten, Steuern zahlen?

Gemäß der "Flaggentheorie" des Autors lassen sich diese Lebensbereiche trennen. So kann das Domizil ganz woanders sein, als die Staatsbürgerschaft. Das eigene Unternehmen kann wiederum in einem ganz anderen Land sein, das Vermögen auch.

Direkt eine Klarstellung: Der Autor erhebt den Anspruch, völlig legale Vorgehensweisen vorzustellen. Es geht ausdrücklich nicht um Steuerhinterziehung. Es geht um das, was als "Steueroptimierung" bekannt ist.

Da gibt es einiges zu beachten, Stichwort Auswanderung. Mit einer Abmeldung beim Einwohnermeldeamt ist es nicht getan.

Dazu eine Einschränkung: Der Autor richtet sich in dem Buch in erster Linie an bundesdeutsche Leser. Die diesbezügliche rechtliche Situation ist die Grundlage der vorgestellten Alternativen. Bei Lesern aus der Schweiz oder Österreich mag es in einzelnen Bereichen juristisch anders aussehen.

Ich fand das Buch durchaus interessant - intellektuell gesehen. Denn ich gehöre nicht zur Kern-Zielgruppe des Autors. Seine Kernzielgruppe sind weniger klassische Auswanderer, die "alles" (Wohnsitz, Beruf, Vermögen, Unternehmen) in ein anderes Land verlegen. Seine Zielgruppe sind diejenigen, die gemäß Flaggentheorie (alle diese Dinge auf mehrere Staaten verstreut) leben möchten.

Und auch beim Wohnsitz gibt es laut dem Autoren sogenannte "Perpetual Traveller", die gar keinen festen Wohnsitz möchten, sondern weltweit pendeln und die länger als maximal 6 Monate an einem Ort sein möchten.

Wie gesagt, ich finde das durchaus interessant. Aber als Volkswirt stelle ich mir auch die Frage: Was, wenn "alle" so handeln würden? (Stichwort Kategorischer Imperativ von Kant). Zumindest in Ländern wie Deutschland, Österreich und der Schweiz wären dann die öffentlichen Ausgaben überhaupt nicht finanzierbar. Was geschieht dann mit Polizei, Feuerwehr, Kindergärten? Ich bin mit vielen Staatsausgaben bestimmt nicht einverstanden, Stichwort Fahrradwege in Peru fördern. Aber die Einstellung des Autors gegenüber Staaten generell teile ich nicht.

Wer nur einen Pass besitzt, ist seinem Ursprungsland in geradezu kindlicher Abhängigkeit ausgeliefert.

Staaten existieren nicht, um deine Interesse zu schützen, sondern um ihre eigenen aufrechtzuerhalten - finanziert durch deine Zeit, dein Geld, und so weiter.

"Geld oder Leben!" - warum Steuern Raub sind

Eine solche ultralibertäre Denkweise finde ich interessant, aber als allgemeinen Rat aus volkswirtschaftlicher Sicht unpassend. Denn gewiss, gesunde Gutverdiener mögen so ihre Steuerlast "optimieren". Aber was ist mit denen, die unverschuldet krank oder arbeitslos oder alleinerziehend in schwieriger Situation sind? Das sind diejenigen, die "ihrem Ursprungsland in geradezu kindlicher Abhängigkeit ausgeliefert" sind. Wenn dann die Leistungsträger alle gemäß Mehrflaggentheorie über die Weltmeere reisen würden und im Herkunftsland überhaupt keine Steuern mehr zahlen - ist das eine erstrebenswerte Situation?

Solche Fragen gingen mir bei der Lektüre durch den Kopf. Wie Sie das sehen, können nur Sie alleine beurteilen.

Ob Sie die Thematik des Buchs interessiert, können demnach auch nur Sie selbst beurteilen. Bei Interesse am Thema halte ich das Buch aufgrund der guten Struktur und der umfangreichen Informationen (gut aufbereitet) für lesenswert.

Insofern ein "je nachdem" Fazit meinerseits für:

Christoph Heuermann: Staatenlos

(Es handelt sich um keinen Werbelink, ich bekomme keine Provision)

Angenehme Lektüre!

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M.A.

Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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