Rezension: Das digitale Gehirn
"Sie verändert alles, und es liegt an uns, da zu verstehen".
Dieser Satz auf dem Klappentext der Neuerscheinung "Das digitale Gehirn" bezieht sich auf das Thema Künstliche Intelligenz = KI.
Und hierzu habe ich gerade ein Buch (Neuerscheinung) eines Professors für Neurologie gelesen...ach was, verschlungen.
Der Autor Prof. Enzinger ist laut Verlagsangaben spezialisiert auf Neuroimaging sowie auf entzündliche und neurodegenerative Erkrankungen des Gehirns. Hier mehr Informationen zu Prof. Enzinger
Es geht um diese Neuerscheinung:
Christian Enzinger: Das digitale Gehirn. Wie wir mit der KI mithalten
Ich selbst stehe der Thematik mit einer Mischung aus Faszination, Staunen und Sorge gegenüber.
Als ich vorigen Sommer einen Bildungsurlaub zum Thema "Aktien" leitete und den Gruppen Aufgaben zur Recherche und Präsentation gab, war eine Gruppe nach 5 Minuten fertig. Sie hatten die Aufgabe an eine KI im Smartphone delegiert, die Präsentation erstellen lassen und dann den Text nur abgelesen. Sie waren stolz auf ihre Leistung.
Das machte mich nachdenklich. Denn gewiss, für den Moment schön und nett. Aber was ist, wenn ich mich daran gewöhne, dass eine Maschine strukturiert zusammenfasst, priorisiert, plant, formuliert, sortiert? Das ist hilfreich, aber es kann auch dazu führen, dass - Zitat: "mein eigenes Stirnhirn sagt: Wunderbar, machen wir seltener selbst."
Laut Christian Enzinger ist das exakt dieselbe Logik wie bei körperlicher Arbeit. Wer jeden Weg mit dem Lift fährt, baut weniger Oberschenkel auf als jemand, der täglich Stufen steigt. Und wer jede geistige Anstrengung sofort auslagert, trainiert die eigene Exekutive eben auch weniger.
Da der Autor Professor für Neurologie ist, schildert er auch neurologische Vorgänge. Erfreulicherweise nicht im für manche Professoren typischen "Elfenbeinturm"-Stil, sondern auch für Laien wie mich sehr gut verständlich.
Und sogar mit einer Prise Humor, feschen Formulierungen, gleichzeitig inhaltlich auf hohem Niveau und mit zig Thesen, die mich zum Nachdenken brachten.
Ein Beispiel: "Das Gehirn ist kein Download-Manager." Dazu einige Zitate aus dem Buch:
- Lernen bedeutet nicht, Innormation aufzunehmen.
- Lernen bedeutet, Information einzuordnen.
- Das Gehirn liebt Zusmmehänge. Es ist kein Download-Manager, eher ein Bauherr.
- Es schafft Strukturen, keine Sammlungen.
Interessant fand ich auch die Anmerkungen über die Neurologie in Bezug auf Jugendliche. Junge Gehirne schütten mehr Dopamin aus! Was digitale Reize mit uns machen, das ist gerade im Hinblick auf das Smartphone bei Jugendlichen Höchst relevant.
Der Autor ist abwägend, seinem Befund zufolge ist das Bild gemischt, eher Yin und Yang.
Als Volkswirt verstehe ich, dass das Gehirn ökonomisch reagiert. Ist klar: Wenn ich weiß, dass eine bestimmte Information an anderer Stelle gespeichert ist, mache ich mir nicht die Mühe, mir dies selbst zu merken. Was bei Telefonnummern noch harmlos ist, kann bedenklicher werden, wenn ich ganze Reden per KI schreiben lasse.
Geradezu erschreckend fand ich das vom Autoren genannte Beispiel einer Medizinstudenten, die eine Prüfung in medizinischer Chemie dank KI bestand. Auf die Nachfrage (durch die Tochter des Autoren = gleichrangig zur Studentin), wieviel sie sich davon gemerkt hatte, kam salopp die Antwort:
Keine Ahnung, ich lerne das später, wenn ich es brauche.
In diesem Satz steckt...
...die ganze Tragik der Gegenwart...
wie es der Autor Christian Enzinger meiner Ansicht nach äußerst treffend formuliert.
Extrem nütlich fand ich die Verbindung von Wissenschaft und Praxis, welche der Autor vorbildlich gebaut hat. Chapeau! So habe ich gelernt, dass auch "Nichtstun" seine Berechtigung hat. Auch und gerade bei Kindern kann Langeweile dazu führen, dass die Gedanken "kreisen" - und vielleicht kreative Dinge gedacht werden. Besser, statt Dauer-Berieselung via Reels auf dem Smartphone...
Ich hoffe, dass dieser Autor zukünftig noch ein Buch verfassen wird. Seinen Namen versuche ich mir zu merken.
Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse bzw. Thesen gut lesbar mit einer Prise Humor vermitteln können, sind gewiss nicht alltäglich. Und KI ist eines der großen Themen unserer Zeit, finde ich.
Klare Lesesempfehlung meinerseits für:
Christian Enzinger: Das digitale Gehirn. Wie wir mit der KI mithalten
Angenehme Lektüre!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.