Rezension: Die Donut Ökonomie

Die Donut Ökonomie

Rezension: Die Donut Ökonomie

Liebe Leser,

in den Wirtschaftswissenschaften wird derzeit alternatives Wirtschaftsmodell der Ökonomin Kate Raworth (die laut Verlagsangaben in Oxford und Cambridge lehrt) diskutiert.

Dieses soll „den Planeten nicht zerstören“ und ein „Kompass für das 21. Jahrhundert sein“.

Das klang für mich interessant, und umgehend nach Erscheinen der deutschen Ausgabe diesen Monat habe ich das Buch Die Donut Ökonomie auch gelesen. Hier mein Eindruck:

Die Autorin Kate Raworth hat das Herz auf dem rechten Fleck. Oft habe ich bei der Lektüre leicht genickt, als sie ihr Studium beschrieb und dabei manche herrschende Ansicht schilderte, die sie – genau wie ich – völlig absurd findet. Beispiel die Ansicht vom „homo oeconomicus“. Diese Lehre besagt, dass wir als Individuum vollständig rational unseren persönlichen Nutzen maximieren. Absolut weltfremd – aber zumindest zur Zeit meines Studiums herrschende Lehre.

Kate Raworth zitiert Autoren wie Simon Kuznets, dessen Ansichten ich auch unterschreiben kann. Ein Beispiel: bei der Forderung nach „mehr“ Wachstum sollte immer angegeben werden, mehr Wachstum von was und wofür…

So weit, so gut. Bei der Beschreibung der Probleme, die die „herrschende Ansicht“ der Wirtschaftswissenschaften (Theorie der perfekten Märkte, Vernachlässigung externer Effekte, homo oeconomicus) mit sich bringt, kann ich der Autorin nur zustimmen.

Doch ihre Schlussfolgerungen – ihr alternatives Wirtschaftsmodell – überzeugt mich nicht. Leider, wie ich hinzufügen möchte.

Bildliche Modell-Darstellung

Es lässt sich mit dem Bild eines Donuts (daher der Name) kurz beschreiben: Die Fläche sinnvoller Wirtschaftsgestaltung sollte gewissermaßen die Fläche eines Donuts sein. Der innere Rand wird durch Armut und Mindestanforderungen an Lebensstandard etc. begrenzt. Der äußere Rand sind durch die Umwelt vorgegebene Begrenzungen.

Ein Beispiel: Wenn die Wirtschaft sich über den äußeren Rand ausdehnt, wird z.B. nicht nachhaltig gewirtschaftet, weil z.B. mehr Holz abgeholzt wird, als aufgeforstet wird. Also sollte der äußere Rand nicht überschritten werden.

Wenn hingegen gar nichts abgeholzt wird, gibt es Armut, und dann wird der innere Rand nach innen überschritten – es gibt Armut.

Die Lösung soll sein, dass Wirtschaften zwischen den beiden Begrenzungen erfolgen soll.

Schön.

Schön und gut.

Natürlich stimme ich Aussagen wie „Die Erde, lebensspendend, daher sollte man ihre Grenzen respektieren“ zu.

Oder dass man dafür sorgen soll, dass der Handel „fair“ und die Finanzwirtschaft „dienstbar“ ist. Und verstärkt auf Recycling setzen. Würde ich auch unterschreiben.

Aber was bedeutet das in der Praxis?

Da blieb mir die Donut Ökonomie zu abstrakt-allgemein. Ja, es gibt einige konkrete Punkte, wie „mit Anstößen arbeiten“. Die Autorin zitiert ein Experiment aus Dänemark. Dort wurden Süßigkeiten an Passanten verteilt – danach wurde dokumentiert, wieviel Verpackungsmüll auf dem Gehsteig landete.

Dann wurde das Experiment wiederholt, nachdem grüne Fußspuren auf die Bürgersteige gemalt worden waren, die zu Mülleimern führten. Das Ergebnis: 46% weniger Vermüllung. Und das ohne Einsatz von Bußgeldern oder Belohnungen.

Solche kleinen Anstöße finde auch ich gut und hilfreich. Aber neu ist der Gedanke nicht, ich erinnere mich da an das meiner Ansicht nach grandiose Buch „Nudge“ der Autoren Thaler und Sunstein.

Mein Fazit für Die Donut Ökonomie fällt dementsprechend gemischt aus. Die Bestands-Analyse kann ich teilen – die Lösungsvorschläge sind mir aber zu allgemein-abstrakt. Ich bin da eher praxisorientiert, reine Ideen der Art „wäre doch toll, wenn sich die Unternehmen nach dem Donut-Modell richten würden“ sind mir zu wenig. Damit will ich das gar nicht schlecht machen, ich bin froh, dass es Autorinnen wie Kate Raworth gibt. Doch letztlich habe ich von der Lektüre ihres Buchs wenig bis keine neuen Erkenntnisse oder Denkanstöße gewinnen können.

Und hier noch das Zitat des Tages:

„Derjenige, der den biologischen Begriff des Wachstums so von Grund auf verfälscht in die Volkswirtschaft eingeführt hat, wusste nicht, was er hat. Er verwechselte die Unersättlichkeit menschlichen Besitzstrebens mit einem natürlichen Wachstum. Zum echten Wachstum gehört die Reife, das Alter, das Vergehen. Die Schöpfung hat dafür gesorgt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Überall dort, wo in der Natur Lebenserscheinungen dicht an die Grenze der Unermesslichkeit stoßen, etwa bei den Milliardenschwärmen der Wanderheuschrecken, endet die Entwicklung im ebenso unermesslichen Massentod. Das Wachstum der Walfangflotten führte zum Massentod und zur weitgehenden Selbstvernichtung der Walindustrie.“ - Vitus B. Dröscher

Schönen Feierabend!

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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