Der Kaiser reist inkognito

Der Kaiser reist inkognito

Historische Miniaturen - meisterhaft von Stefan Zweig verfasst, Beispiel "Sternstunden der Menschheit" - haben mein Interesse an Geschichte gefördert. Stefan Zweig schaffte es, historische Persönlichkeiten vorzustellen - und das spannend wie ein Roman; nur eben auf historischen Fakten basierend.

So ganz nebenbei hat Stefan Zweig auch mein Interesse für seine Zeit im Allgemeinen und für Österreich-Ungarn kurz vor dem Ersten Weltkrieg im Besonderen geweckt, der Autor Joseph Roth aus dieser Zeit gehört zu meinen Favoriten.

Sie mögen einwenden, ich schweife ab, und hätten damit völlig Recht. Denn um was es in diesem Beitrag eigentlich gehen soll: Um die Neuerscheinung Der Kaiser reist inkognito von Monika Czernin. Czernin, der Name ist doch bekannt? In der Tat: Ein k.u.k. Außenminister entstammte der Familie. Und nun diese Autorin und Filmemacherin.

Doch in der Neuerscheinung geht es um Joseph II., den Sohn der legendären Maria Theresia. Er war nicht nur Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, sondern auch - machtpolitisch durchaus bedeutender - Mitregent in der Habsburger Monarchie. Mitregent? Genau: Der damals oberste Verteidiger der Christenheit und Kaiser des Heiligen Römischen Reichs hörte dann doch auf jemand außer Gott...nämlich auf seine Mutter.

In einer Biographie über sie war Joseph II. nicht gerade besonders gut weggekommen. Ich hatte im Hinterkopf, dass er gerne reiste...

Nach der Lektüre der Neuerscheinung hat sich meine Einschätzung zu Joseph II. komplett gewandelt. Denn er reiste keineswegs aus "Spaß an der Freud", wie es im Rheinland heißt. Sondern seine Absicht war es, die Verhältnisse vor Ort kennenzulernen, um basierend auf diesen Erkenntnissen eine vernünftige Reformpolitik durchführen zu können.

Aus diesem Grund reiste er auch inkognito (bzw. versuchte es), als Graf von Falkenstein. Die Autorin Monika Czernin beschreibt nun diese Reisen, Basis des Buches ist sorgfältiges Quellenstudium.

  • Ob Joseph II. seine Schwester in Versailles besuchte (genau, die berühmte Marie-Antoinette, die unter der Gouillotine endete)...
  • ...oder die neu erworbenen Gebiete im Osten (Galizien, dessen Bewohner er schätzen lernte)
  • ...oder in die österreichischen Niederlande reiste...
  • ...die Autorin versteht es, sowohl kenntnis- und faktenreich als auch (sehr wichtig aus Lesersicht!) äußerst gut lesbar diese Reisen zu schildern.

Mir persönlich ist dieser Monarch äußerst sympathisch geworden.

So reist er gerade als es in Böhmen eine Hungersnot gibt dorthin, er besucht Sterbende im Spital und lässt sich von einfachen Bauern deren Beschwerden erzählen. Dabei verzichtet er bewusst auf den für die damalige Zeit üblichen "Pomp" und Zeremonien. Beeindruckend auch die Logistik: Ein Kurier bringt Tag für Tag erhaltene Bittschriften mit Weisungen des Kaisers nach Wien.

Soweit es um das Gebiet Österreich-Ungarns geht, hat allerdings seine Mutter ein Wörtchen mitzureden. Und die in manchen Bereichen vielgerühmte Maria Theresia war in manch anderen Bereichen dem Fortschritt Feind.

So hielt sie daran fest, evangelische Bauern aus den deutschsprachigen westlichen Gebieten der Monarchie "abzuschieben" - genauso wie sie das mit unverschuldet in Not Geratenenen tat, welche als Bettler oder Prostituierte in den Straßen Wiens lebten. Weg mit diesen Personen...Joseph II. traf einige dieser Personen in Siebenbürgen, wo z.B. einige der Frauen umgehend an den Sultan in Istanbul weiterverkauft wurden.

Joseph II. lernte solche Dinge auf seinen Reisen kennen und es spricht für ihn, dass er umgehend Verbesserungen durchsetzen wollte.

Was aus meiner Sicht auch für Joseph II. spricht: Er hatte manchmal eine vorgefasste Meinung (Stichwort Galizien) - und änderte diese dann, als die gesehenen Gegebenheiten nicht zu seiner Ansicht passten. Fast hätte ich geschrieben, so eine Person an der Spitze der Regierung würde ich mir auch heute wünschen.

Wie die Geschichte weitergeht? Ich möchte nicht zu viel verraten, denn die Lektüre des Buchs kann ich unbedingt empfehlen. Gewiss, einige Punkte hat die Autorin dann doch hinzu erfunden. Was Joseph II. in Bezug auf manche Frau wirklich gedacht hat - wie will sie das ergründen? Doch das sind Kleinigkeiten, die im Sinne einer atmosphärisch dichten gut lesbaren Gesamtdarstellung ihre Berechtigung haben.

Insgesamt bin ich der Autorin sehr dankbar für dieses Buch, welches mir Lesegenuss und eine Erweiterung meines Wissens brachte - und diese Kombination gefällt mir arg.

Von meiner Seite unbedingte Leseempfehlung für:

Monika Czernin: Der Kaiser reist inknognito

Übrigens: Mehrfach dachte ich mir, dieses Buch würde sich exzellent für eine Verfilmung (Mehrteiler?) eignen.

Mit herzlichem Gruß!

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M. A.

Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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Ein Gedanke zu “Der Kaiser reist inkognito

Der Kaiser reist inkognito – FinanzFeedGeschrieben am  8:52 pm - Mai 18, 2021

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