Nonnen gegen Tesla?!

Nonnen gegen Tesla?!

Potzblitz - die trauen sich was und alle Achtung! Um was es geht:

Neulich hatte ich es mir vor dem Monitor gemütlich gemacht (gerade eine Tasse Kaffee getrunken) und schaute in die Tesla-Hauptversammlung rein.

Ich selbst besitze keine Tesla-Aktien, aber man bemüht sich ja, kein reiner Fachidiot zu sein und generell ein wenig auf dem Laufenden zu bleiben.

Und Elon Musk ist ja auch eine interessante Persönlichkeit (übersetzt: Gewisser Unterhaltungsfaktor)

Da die Veranstaltung frei übertragen wurde und auch im Internet zu finden ist, war die Teilnahme kein Problem.

Hier die Veranstaltung ("Annual Shareholder Meeting" = ordentliche Hauptversammlung) bei Youtube:

Die Hauptversammlung von Tesla fand auf einem Parkplatz statt - ganz nette Idee, denn in den Autos konnten Aktionäre sitzen mit Sicherheitsabstand etc. pp.

Meine Gedanken schweiften ab, ich checkte parallel Emails, nickte schließlich ein wenig ein. Doch ab ca. 57:55 min schreckte ich hoch, als es um die Gegenanträge von Aktionären/innen ging.

Denn da wurde ein Gegenantrag angekündigt von den "Sisters of Good Shepherd New York Province". Wie bitte, katholische Nonnen mit einem Gegenantrag bei der Tesla Hauptversammlung? Ich war hellwach und spitzte die Ohren.

Der Gegenantrag ("item 7") behandelte das Thema Menschenrechte ("human rights"). Ich glaube, dem Gegenantrag wurde eine Redezeit von 4 oder 5 Minuten eingeräumt. Und dann ging es los:

Laut den Nonnen besteht da bei Tesla erheblicher Verbesserungsbedarf. In einer Gigafactory in New York ("Giga New York") würden Arbeiter abgeschreckt, einer Gewerkschaft beizutreten. Die Arbeiter/innen seien Covid 19 ausgesetzt und bekommen Probleme, wenn sie größeren Schutz möchten.

(Die Nonnen haben ihren Sitz im Staat New York, es klingt so, als ob sie Informationen über die Situation in der entsprechenden Giga Faktory haben).

Einige der Schwestern. Quelle: Deren Internetseite

Und dann "global supply chain" - weltweite Lieferkette von Tesla. Hier thematisierte der Gegenantrag der Nonnen den Punkt Kobalt aus der Demokratischen Republik Kongo. Zu dem Thema kenne ich mich auch ein wenig aus, da ich zu Kobalt für mein Buch "Strategische Metalle für Investoren" recherchiert hatte und selbst an der Grenze zum Kongo stand (mich aber aus Sicherheitserwägungen nicht reintraute). Insofern ist mir die Thematik der Lieferkette bei Kobalt bewusst.

Hier sprach der Antrag der Nonnen Tacheles: Tesla nutze Kobalt, dass dort im Kongo durch Kinderarbeit gewonnen wird. Ein Sprecher der Nonnen erläuterte, dass er persönlich kleine Jungen getroffen hat, die Gliedmaßen verloren oder paralysiert waren - durch den Einsturz von Tunneln.

"Simply not true!"

Tesla gebe an, Null Toleranz für Kinderarbeit zu haben. Das sei "simply not true", einfach nicht wahr. Hier wurde Tesla also Lüge oder Unkenntnis vorgeworfen. Laut dem Gegenantrag toleriert Tesla diese Missstände.

Und dann ging es weiter: Sofern Elon Musk das Thema wichtig sei, dann könne er mit seinem innovativen Geist doch bessere Lösungen finden als eine nutzlose Lieferkettenpolitik auf dem Papier ("useless paper policy"). Konkret:

Wenn Tesla es ernst meint mit der "Null Toleranz für Kinderarbeit" - wie wäre es dann mit dem Einsatz von Satelliten oder Drohnen, um zu überwachsen, dass keine Kinderarbeit erfolgt in Minen, aus denen Tesla Kobalt bezieht?

Ich war baff. Den Aussagen des Gegenantrags konnte ich zu 100% zustimmen.

Ich suchte parallel die Internetpräsenz der Nonnen und fand auf deren Seite diese Worte, ich zitiere:

Who we are

    • We are a reconciling presence of Jesus the Good Shepherd.

    • We affirm the dignity of all people and creation.

    • We help to empower women and girls.

    • We serve people who are marginalized by poverty and injustice.

    • We confront oppressive and unjust structures and systems.

    • We create life-giving communities of welcome and inclusion.

Quelle: https://sistersofthegoodshepherd.com/about-us/

Diese Nonnen meinen es offensichtlich ernst mit ihrem Einsatz für die Würde der Menschen und die Achtung der Schöpfung. Ich ziehe meinen virtuellen Hut vor ihnen.

Und die Reaktion von Tesla auf diesen Gegenantrag?

Pah! Die Reaktion war lakonisch: Das Board von Tesla empfehle, den Gegenantrag abzulehnen, so sinngemäß das kurze Statement.

Der Blick auf die Abstimmungsergebnisse zeigte dann, dass der Gegenantrag der Nonnen 27.524.596 JA-Stimmen erhielt. Da jede Tesla-Aktie eine Stimme hat, haben die Aktionäre für entsprechend viele Aktien dem Gegenantrag der Nonnen zugestimmt.

Das reichte indes nicht, denn es gab 81.039.674 NEIN-Stimmen.

Quelle: Abstimmungsergebnisse Tesla HV (Meldung an die Börsenaufsicht)

Gewinnerin der Herzen sind für mich heute dennoch die Nonnen des Ordens "Sisters of Good Shepherd New York Province", werde später für sie beten.

Schade finde ich es, dass es in den Mainstream-Finanzmedien zu dem Einsatz der Nonnen nichts zu finden ist. Mit etwas mehr "Publicity" könnten solche Gegenanträge durchaus auf mehr Interesse von anderen Aktionären stoßen - und wer weiß, vielleicht auch Erfolg haben.

Ich grüße Sie herzlich mit den besten Wünschen für Gesundheit, Arbeit und Wohlergehen.

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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