Rezension: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Rezension: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Üblicherweise dreht sich mein Denken tagsüber um die unmittelbar einprasselnden Informationen - und zwischendrin gilt es, auf den Körper zu hören ("brauche Kaffee"). Da kommt eine Pressemitteilung, da schreibt mir ein Leser, da fällt mir eine Kursbewegung auf...

In den Mittagspausen versuche ich, etwas Abstand zu gewinnen. Dann lese ich auch gerne einmal eine halbe Stunde - gerne etwas, das den eigenen Intellekt herausfordert (bzw. manchmal überfordert).

Aktuelles Beispiel:

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Der Autor - der Historiker Yuval Noah Hariri - ist mir bereits vorher positiv aufgefallen. In seinem Buch Homo Deus hatte der Historiker Thesen aufgestellt, die mich zum Nachdenken brachten. Zudem gefällt mir sein Schreibstil sehr. Er schafft es, anspruchsvolle Gedankengänge gewissermaßen locker-flockig darzustellen. So auch diesmal wieder in seinem neuesten Buch, den 21 Lektionen.

Er hat das große Ganze im Blick: "Meine Agenda ist eine globale". Es geht um die Faktoren, die "Gesellschaften überall auf der Welt prägen und die vermutlich die Zukunft unseres gesamten Planten beeinflussen werden".

Dabei leistet er sich keine gedanklichen Schnellschüsse, sondern beleuchtet Themen aus mehreren Blickwinkeln. Beispiel Klimawandel. Wer denkt z.B. daran, dass dieser neben den bekannten negativen Folgen auch die Folge haben könnte, dass Nordsibirien zur Getreidekammer Russlands werden könnte? Und wenn das Nordpolarmeer als Route für den Welthandel verfügbar wird, dann könnte Wladiwostok eine Art neues Singapur werden.

Oder Stichwort Arbeitsmarkt. Der Autor beschreibt eine Art Dystopie, in der es eine menschliche Elite gibt, die technologisch anspruchsvolle Arbeitsplätze haben - und eine Masse an Bevölkerung, die arbeitslos ist. Doch zu einer Revolte kommt es nicht, da es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt und die Massen zufrieden sind, wenn sie z.B. Netflix schauen können.

Auch auf religiöse Gefühle nimmt der Autor keine Rücksicht. Hier teilt er kräftig aus und plädiert für das Primat des Säkularismus. Und wenn Länder wie Polen keine Zuwanderer mit fremder Religion möchten, dann sei das eine legitime Ansicht. Doch wo ist die Grenze, wann "muss" man aus ethischen Gründen helfen? Wohl nur dann, wenn in einem Nachbarland Menschen mit dem Tod bedroht sind? Der Autor beleuchtet solche Fragen aus mehreren Blickwinkeln.

Wer meint, dass "fake news" ein Phänomen der Gegenwart sind, der findet hier zig Beispiele, die zeigen, dass die Menschen schon oft lieber das geglaubt haben, was sie glauben möchten. Stichwort "kognitive Dissonanz". Der Autor zeigt auf, weshalb es deshalb kontraproduktiv sein kann, Andersdenkende mit Fakten zu bombardieren.

Die Themen Künstliche Intelligenz und zunehmender Einsatz von Logarithmen könnten zu einer Form der Dystopie führen. Das Vertrauen auf "Google Maps" klingt harmlos...nächster Schritt könnte sein, dass wir Google fragen, welches Auto wir fahren möchten - auf Grundlage der über uns vorliegenden Daten (Umweltbewusstsein, Designvorlieben, Vorliebe für bestimmte Hersteller, etc. pp.). Und dann? Bekommen wir Vorschläge, wen wir wählen sollen, auf Basis unserer in den sozialen Netzwerken gezeigten Präferenzen?

Der Autor erhebt nicht den Anspruch, perfekte Lösungen zu präsentieren. Er bezeichnet die Lektüre seines Buchs als intellektuelle Reise. Und genauso habe ich die Lektüre des Buchs auch empfunden.

Die Themenauswahl finde ich äußerst spannend - und ich war neugierig, was der Autor dazu zu sagen hatte. Nach Lektüre einiger Seiten hielt ich jeweils inne und überlegte, wie ich zu dem Thema stehe. Keineswegs war ich da immer mit dem Autoren einer Ansicht.

Aber genau das schätzte ich an diesem Buch - die "intellektuelle Reise", die mich zum Überprüfen bzw. überhaupt erst Aufstellen einer eigenen Position ermunterte. Bei manchen Punkten weiß ich auch nach der Lektüre nicht, wie ich dazu stehe. Aber das ist wahrscheinlich gar nicht die schlechteste Möglichkeit, auch einmal festzustellen, dass man bei einem Thema mangels Kenntnis keine eigene Meinung hat.

Wer über das Tagesgeschäft hinausdenkt und Interesse an den großen Themen hat, die unsere Gesellschaft voraussichtlich in den kommenden Jahren/Jahrzehnten beschäftigen werden, dem kann ich die Lektüre dieses Buches definitiv nahe legen:

21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Bei Interesse finden Sie eine kostenlose Leseprobe in Form einer PDF-Datei unter diesem Link.

Viele Grüße & schönen Feierabend!

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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