Rezension: Das Flüstern der Bäume

Rezension: Das Flüstern der Bäume

Es gibt einige Dinge, die ich im deutschsprachigen Raum sehr mag. Dazu gehören Waldspaziergänge - und die Beobachtung, wie wohl sich andere Spaziergänger im Wald fühlen. Kennen Sie das? In der Stadt eilt jeder seiner Wege, die anderen Menschen werden kaum beachtet, geschweige denn gegrüßt.

Bei einem Waldspaziergang aber grüßt sich zumindest in meiner Region nahezu jeder, und auch ein verkniffener Finanzjournalist atmet im Wald auf und tankt bildlich gesprochen die Akkus auf.

Dieses menschliche Aufblühen im Wald habe ich in anderen Weltregionen in dieser Form noch nicht beobachtet. Vielleicht ist das etwas Typisches im deutschsprachigen Kulturraum, ich weiß es nicht.

Was ich aber weiß: Ich möchte eigentlich eine Rezension schreiben über die Neuerscheinung Das Flüstern der Bäume des kanadischen Autors Michael Christie.

Und da ist der Name Programm. Kein Wunder, dass meine Gedanken abschweiften. Denn der Autor versteht es meisterhaft gut, Situationen zu beschreiben. Das merkte ich bereits im ersten Kapitel, als er ein Ereignis in einem kanadischen Wald beschreibt und ich mir bildlich vorstellen konnte, wie ich z.B. die Rinde von einem alten Baum namens "Gottes Mittelfinger" berührte (was es mit diesem Namen auf sich hat, sei an dieser Stelle nicht verraten).

Aber wie heißt es so schön...Vorsicht, den Wald nicht vor lauter Bäumen aus den Augen zu verlieren. Und das große Thema ist hier keine Naturbeschreibung, sondern ein Roman über vier Generationen im westlichen Kanada.

Dabei beginnt der Autor sein neues Buch interessanterweise in der Zukunft, im Jahr 2038. Wir steigen direkt ein - in die Perspektive einer Naturführerin, die mit einer Gruppe Touristen uralte Bäume in Kanada besucht. Zu der Zeit sind Bäume selten geworden, und umgehend zücken die Touristen ihre futuristischen Smartphones, um Bilder von sich mit den Bäumen zu "posten".

Natürlich ist bald klar, dass die Naturführerin eine der Protagonisten des Kapitels ist. Doch wie es der Autor schafft, sie mit ihren Ahnen zu verknüpfen und daraus ein Generationen-Epos zu stricken, das finde ich absolut lesenswert. Die Beschreibungen sind so locker-flockig geschrieben und dennoch präzise und stimmungsvoll.

Hier wirkte sich vielleicht aus, dass der Autor den Verlagsangaben zufolge Psychologie studierte und vielleicht deshalb so treffend die Charaktere beschreiben kann.

Da ich nicht "spoilern" möchte, nur so viel: Die geschilderte Familien-Geschichte umfasst vier Generationen. Ein Bindeglied sind die namensgebenden Bäume - allerdings auf keinesfalls platte Weise, sondern manchmal eher subtil, doch vorhanden. Die Analogie der Familiengeschichte zu dem langsamen Aufbau älterer Bäume wie "Gottes Mittelfinger" (als Shakespeare seine Werke schrieb, stand dieser Baum schon auf Erden..) ist sehr gut gewählt. Und der Autor weiß es, eine gute Geschichte zu erzählen.

Aus meiner Sicht eine sehr empfehlenswerte Neuerscheinung und gerade richtig für den Monat Oktober:

Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

Bei Interesse finden Sie beim Verlag eine kostenlose Leseprobe in Form einer PDF-Datei.

Angenehme Lektüre!

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M.A.

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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