Rezension: Dostojewski und die Liebe

Rezension: Dostojewski und die Liebe

Diene dem Mann. Bring Opfer. Leide.

Außer, neben deinem Mann begehrt dich Dostojewski. Dann nimm diesen.

Auf diesen Nenner lässt sich Dostojewskis Rat an die russische Damenwelt des 19. Jahrhunderts bringen - so mein Fazit nach der Lektüre der Neuerscheinung "Dostojewski und die Liebe".

Um das einzuordnen: Ich bin in dem Sinne befangen, dass ich als Jugendlicher die Werke Dostojewskis verschlungen habe. Damals dachte ich mir sinngemäß, ich habe keine Zeit für dünne Bücher, versenke mich lieber in den "Schinken" von Dostojewski und in den Welten, die sich mir z.B. in "Der Idiot" oder "Die Gebrüder Karamasow" erschlossen haben.

Und kürzeren Geschichten wie "Der Spieler" fand ich eine so gute psychologische Schilderung eines Spielers, dass ich mir direkt dachte, da ist Dostojewski doch bestimmt selbst betroffen gewesen.

In der Tat: In deutschen Casinos (in Russland war das verboten) war Dostojewski bei seinen Europareisen aktiv - und per saldo verlor er da kräftig...

Nun, bisher hatte ich also recht viel von Dostojewski gelesen, aber relativ wenig über ihn.

Als ich dann sah, dass es eine Neuerscheinung (Autor: Klaus Trost) mit dem aufschlussreichen Titel "Dostojewski und die Liebe" gibt, las ich das Werk umgehend.

Und hier bewahrheitete sich für mich der Spruch: "Never meet your idols"! Denn wenn Idole getroffen werden, könnte es sein, dass sie gar nicht mehr so bewundert werden...

Ging mir hier bei der Lektüre des Buches zunächst so. Denn Dostojewski zeigt sich hier keineswegs als der monogame, liebende Ehemann. Er ist äußerst zwiespältig - egozentrisch, bisweilen kalt, einsilbig, aber auch großmütig und großzügig und gelegentlich pathetisch.

Der Autor geht strukturiert vor und handelt chronologisch die Affären/Liebschaften/Musen...von Dostojewski ab, weitgehend chronologisch. Das geschieht jeweils in stimmigen Kapiteln, welche aufschlussreiche Titel tragen wie "Affekt - Pissarewa" oder "Kontra - Filosofowa".

Was ich gut finde: Der Autor ordnet Dostojewski in die zeitlichen Umstände ein. Denn es geht hier um das Russland des 19. Jahrhunderts...wo in der ersten Hälfte des Jahrhunderts laut Autor manch ein Adliger Leibeigene unbewegt im Garten stehen ließ - weil das billiger war, als Statuen zu kaufen...

Dostojewski selbst wurde zwischenzeitlich zum Tode verurteilt - und erst unmittelbar vor der Schein-Hinrichtung begnadigt. Das muss doch einen seelischen Knacks hinterlassen.

Ich merkte bei der Lektüre des Buches, dass ich das Verhalten von Dostojewski zu entschuldigen versuchte. Aber letztlich waren die Dinge wohl so, wie sie waren (sofern die Quellenarbeit des Autoren Klaus Trost passend ist, wovon ich ausgehe).

Dostojewski war weder Heiliger noch Übermensch, sondern ein Sterblicher mit Stärken - und eben auch Schwächen, gerade im zwischenmenschlichen Bereich. Und stimmig war das Frauenbild Dostojewskis durchaus nicht, siehe Einleitung oben.

Meine Lehre ist es, zwischen dem Autoren Dostojewski und dem Menschen Dostojewski zu trennen. Das versuche ich nun generell so zu handhaben. Und so bleibt mir der Genuss der Werke Dostojewskis möglich, auch wenn ich an seiner menschlichen Seite einiges auszusetzen hätte. Doch wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein....bzw. um einen anderen großen russischen Autoren zu zitieren (Solschenizyn):

Allmählich wurde mir offenbar, dass die Linie, die Gut und Böse trennt, nicht zwischen Staaten, nicht zwischen Klassen und nicht zwischen Parteien verläuft, sondern quer durch jedes Menschenherz.

Was nun "Dostojewski und die Liebe" betrifft, so sehe ich das Buch als Fleißarbeit von Klaus Trost. Sofern Sie Grund-Interesse an Dostojewskis Privatleben haben, dann kann ich Ihnen diese Neuerscheinung ans Herz legen.

Eine kostenlose Leseprobe finden Sie bei Interesse unter diesem Link.

Angenehmes Wochenende!

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M.A.

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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