Rezension: Geschichte der Völkerwanderung

Rezension: Geschichte der Völkerwanderung

Vor Jahren, als ich noch jünger und dümmer war, dachte ich mir sinngemäß: Für dünne Bücher ist mir meine Zeit zu schade, ich lese lieber anspruchsvollere "dicke Schinken". Und so genoss ich mich im zarten Alter Bücher wie "Der Idiot" oder "August 1914" oder "Die Brüder Karamasow".

Was man als Jugendlicher eben so tut, wenn die Zeit gefühlt noch nicht so knapp ist. War eine schöne Zeit. Die Jahre vergingen, und gewisser körperlicher Verfall zeigte sich auch an nachlassender Sehkraft. Doch da konnte ich inzwischen u.a. mit Sehübungen gegenhalten. Und so geschah es, dass mir eine Neuerscheinung des renommierten C.H. Beck Verlags auffiel:

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung

Schon das Cover (siehe Bild dieses Beitrags) gefiel mir - eine Abbildung des Gemäldes "Einzug König Etzels in Wien" des von mir sehr geschätzten k.u.k.-Künstlers Albin Egger-Lienz.

Der Umfang des Buches liegt bei gut 1.500 Seiten. Ich sage es vorab: Ich habe die Lektüre noch nicht beendet. Meine Anmerkungen zu dieser Neuerscheinung sind insofern etwas mit Vorsicht zu genießen. Ich habe selbst einen Abschluss als Historiker (M.A.), habe mich aber eher mit der neueren und neuesten Geschichte beschäftigt.

Bei der Lektüre von Geschichte der Völkerwanderung erinnerte ich mich wieder, warum: In der neuen und neuesten Geschichte liegen üblicherweise zahlreiche Quellen vor.

Das ist bei der hier behandelten Epoche der Völkerwanderung keineswegs der Fall! So kann der Autor hauptsächlich auf römische Quellen zurückgreifen. Was ist mit Quellen von Seiten der Hunnen oder der Goten? Fehlanzeige (weitgehend)! Aufgrund der einseitigen Quellenlage ist es insofern auch recht schwierig, die Ereignisse zu rekonstruieren.

Das Buch beginnt - gut gemacht - mit einer spannenden Darstellung, die direkt in das Thema hineinzieht: Konstantinopel 626 n. Chr. - ein Heer der Awaren steht vor der Stadt, deren Übermacht ist groß. Der Autor schildert die Ereignisse, die dazu führten, dass - "Spoileralarm" - die Awaren abgewehrt werden konnten. Dies gekoppelt mit einer aufschlussreichen Landkarte und einem stimmigen Abbild der Theodisanischen Stadtmauer haben zumindest mich sofort ins Buch hineingezogen.

Leider verlor das Buch danach bedeutend an Tempo. Denn in den folgenden ca. 80 Seiten ging es dann um die "Schwierigkeiten, die Völkerwanderung zu erzählen". Siehe dieser Ausschnitt der Inhaltsangabe:

 

Hier werden die diversen Probleme des Historikers wie eben die mangelnde Quellenlage etc. pp. thematisiert. Das ist gewiss gut und richtig, hemmt den Lesefluss aber doch arg. Wann geht es denn "richtig" los, dachte ich mir auf diesen Seiten mehrmals. Der gesamte Abschnitt 1.2 wäre meiner Ansicht nach besser als Anhang oder Exkurs dargestellt worden.

Richtig "los" geht es dann aber in Kapitel 2. Nach der Lektüre des Kapitels wird dem Leser klar, dass es "die" Goten damals nicht gab. Die Ethnogenese war keineswegs soweit fortgeschritten, dass von Beginn der Völkerwanderung an von Ost- und West-Goten die Rede sein konnte. Stattdessen gab es diverse Gruppen der Goten, die sich durchaus auch untereinander bekämpften und was ich besonders faszinierend fand: Die Grenzen zwischen "Römern" und "Barbaren" waren keineswegs immer leicht zu ziehen.

Das grobe Muster - die Hunnen kamen aus dem Osten, verdrängten die Goten, was gewissermaßen die Völkerwanderung in Gang setzte - stimmt durchaus in groben Zügen, doch ganz so einfach war es eben nicht. Es gab diverse wechselnde Allianzen, interne Konflikte, Versuche, sich zu arrangieren etc. pp.

Gut gefallen hat mir, dass der Autor auch Randregionen in den Blick nimmt. Zum Beispiel habe ich einiges über die "verwundbare Südgrenze des Römischen Reichs" (= Nordafrika) erfahren. Auch wird die römische Ostgrenze und die Ereignisse dort (Perser/Sassaniden) ausführlich thematisiert.

Ein Beispiel für eine im Buch verwendete Karte. Quelle: C.H. Beck Verlag

Es gilt hier festzuhalten, dass es sich um Fachlektüre handelt. Gewiss, bei einigen Schlachtenbeschreibungen lässt sich durchaus mitfiebern und der Autor hat einen durchaus guten Schreibstil.

  • Ein Vorteil des Buchs: Die gewissenhafte Arbeit und das Belegen von Aussagen durch Quellen.
  • Ein Nachteil des Buches: Die gewissenhafte Arbeit und das Belegen von Aussagen durch Quellen.

Denn die "Anmerkungen" umfassen sage und schreibe gut 240 Seiten (ab Seite 1.120). Es folgen über 20 Seiten zu den verwendeten Quellen und das Literaturverzeichnis umfasst 100 Seiten. Das war für mich dann doch zuviel des Guten.

Aber ich handhabe es in solchen Fällen gerne so: Einige Anmerkungen prüfe ich, ob die Belege "sauber" sind. Wenn das der Fall ist, ignoriere ich die übrigen Anmerkungen und Quellenangaben. Mir geht es schließlich nicht um Forschungsarbeit, sondern um persönlichen Erkenntnisgewinn.

Unter diesen Einschränkungen hebe ich den Daumen nach oben für:

Mischa Meier: Geschichte der Völkerwanderung

Eine kostenlose Leseprobe finden Sie unter diesem Link.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Wochenstart!

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M.A.

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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