Rezension: Scale

Rezension: Scale

Zur Lektüre dieser Neuerscheinung namens Scale habe ich mich unter anderem aufgrund einer Empfehlung des von mir sehr geschätzten "Querdenkers" Nassim Taleb entschieden. Denn dieser äußerte sich laut Verlag so zu  Scale:

"Dieses Buch erweitert Ihr Denken von drei auf vier Dimensionen."

Der Untertitel der Neuerscheinung klang eher sperrig: Die universalen Gesetze des Lebens von Organismen, Städten und Unternehmen".

Der Autor Geoffrey West ist Physik-Professor und laut C.H. Beck Verlag "Pionier auf dem Feld der Komplexitätsforschung". Erfreulicherweise weiß er in dieser Neuersdcheinung seine Forschungsergebnisse auch für interessierte Laien wie mich gut aufzubereiten, sonst hätte ich beim Verständnis der Thematik keine Chance gehabt.

Auch so stieß ich oft genug an die Grenzen meines Verständnisses. So erläutert der Autor zwar diverse Aspekte - doch für mich durchschnittliches Säugetier nicht immer verständlich. Wenn er z.B. die "Hochenergiephysik" mit einem Satz erläutert, wonach sie sich "mit fundamentalen, die Elementarteilchen befassenden Fragen, mit ihren Interaktionen und kosmologischen Implikationen befasst", bin ich so schlau wie zuvor.

Doch jenseits davon blieb mir bildlich gesprochen oft genug der Mund offen stehen bei den Erkenntnissen, die der Autor hier im Hinblick auf Skalierbarkeit vermittelt.

Es beginnt mit ganz einfachen Fragestellungen. Muss ein Säugetier, das doppelt so groß ist wie ein anderes, auch doppelt soviel essen/fressen? Warum wachsen wir irgendwann nicht mehr, obwohl wir weiter genauso viel wie zuvor essen? Wieso gibt es eine natürliche Altersobergrenze?

Der Autor spricht einen intutiven Denkfehler an. Üblicherweise denken die Menschen linear. Wenn sich z.B. das Körpergewicht verdoppelt, gehen sie davon aus, dass sich auch der Energieverbrauch verdoppelt.

Das gilt aber keineswegs immer, noch nicht einmal besonders oft. Ein Tier, dessen Gewicht sich verdoppelt, benötigt nicht 100%, sondern nur 75% mehr Energie.

Je Zelle benötigt ein Organismus umso weniger Energie zur Versorgung, je größer er ist.

Und das Beeindruckende: Dies gilt für alle Säugetiere. Wenn eine logarithmische Darstellung gewählt wird und dann auf der einen Achse das Körpergewicht und auf der anderen Achse die Stoffwechselrate eingetragen wird, dann ergibt sich fast eine Gerade.

Mit anderen Worten: Prof. West kann alleine aufgrund des Körpergewicht eines beliebigen Säugetiers mit Hilfe der Skalierungsgesetze "fast alle durchschnittlichen Merkmale seiner messbaren Merkmale angeben: wie viel Nahrung es täglich benötigt, wie hoch seine Herschlagfrequenz ist, wie lange es braucht, bis es ausgewachsen ist, wie lang seine Aorta ist und welchen Radius sie hat, wie groß seine Lebenserwartung ist.."

Es gibt weitere höchst erstaunliche Erkenntnisse im Hinblick auf die Skalierung. So ist die Herzschlagfrequenz bei kleineren Säugetieren erheblich höher als bei größeren Säugetieren. Doch die größeren Säugetiere leben auch länger - und bezogen auf die gesamte Lebensdauer ist die Gesamtzahl der Herzschläge bei den Säugetieren im ähnlichen Bereich. Ob Hamster, Löwe oder Wal - durchschnittlich haben sie bezogen auf die gesamte Lebensdauer eine ähnlich hohe Zahl an Herzschlägen.

Prof. West wendet die Skalierung auch auf wirtschaftliche Prozesse und z.B. Patentanmeldungen je Einwohnerzahl an. Auch da gibt es keinen linearen Zusammenhang, sondern nichtlineare Verhältnisse.

Auch im Hinblick auf die Grenzen des Wachstums wird so klar, warum z.B. ein riesiger "Godzilla"-Gorilla gar nicht entstehen könnte - er würde unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrechen.

Der Autor geht kritisch durch den Alltag und sieht es z.B. als Alarmsignal, wenn bei der Dosierung eines Arzneimittels für Kleinkinder linear skaliert wird. Nach dem Motto: Ein Baby mit 6 Kilogramm bekommt X Einheiten Medizin, ein Kleinkind mit dem doppelten Gewicht das Doppelte und ein Kleinkind mit dem dreifachen Gewicht das Dreifache. Nein, auch da muss laut Prof. West skaliert werden, und hier ist der Anstieg unter dem linearen Anstieg.

Prof. West wendet die Skalierung auf diverse Aspekte wie Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Krankheiten, etc. pp. an, und lässt oft genug Grafiken mit Korrelationen für sich sprechen.

Auch wenn ich nicht alles verstanden habe (was gegen mich und nicht gegen den Autoren spricht) - dieser Mann hat etwas zu sagen, und das Buch ist sowohl eine intellektuelle Herausforderung als auch ein intellektueller Lesegenuss:

Scale

Eine kostenlose Leseprobe finden Sie unter diesem Link.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben ein erholsames Wochenende!

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt / M.A.

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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