Wie man Unternehmenszahlen liest

Wie man Unternehmenszahlen liest

Gerade habe ich die Neuerscheinung "Wie man Unternehmenszahlen liest" von Benjamin Graham gelesen. Hier meine Anmerkungen dazu:

Zunächst einmal - Neuerscheinung? Gilt Benjamin Graham nicht als Lehrmeister von Warren Buffett - und der ist bekanntlich auch kein Jüngling mehr?

In der Tat: Es handelt sich um eine gerade auf den Buchmarkt gekommene Neuauflage des Klassikers von Benjamin Graham aus dem Jahr 1937 (Erstausgabe).

Das Buch ist genau das, was der Titel sagt: "Wie man Unternehmenszahlen liest".

In kurzen (meist 2-3 Seiten), knackigen Kapiteln werden die Leser/innen nach knapp gehaltener Einleitung an einzelne Aspekte der Gewinn- und Verlust-Rechnung (GuV) sowie der Bilanz herangeführt (ein kurzes Kapitel befasst sich auch mit Soll und Haben bei der Buchführung).

Die einzelnen Kapitel haben aussagekräftige Titel wie "Vorräte", "Bargeld", "Umlaufvermögen" oder "Rückstellungen".

Ein Auszug aus dem Buch - Kapitel 4, "Kapital und Rücklagen". Quelle: Verlagsangaben

Wer sich gar nicht mit Bilanz-Analyse auskennt und relativ gut verständlich dazu Erklärungen möchte, der/die ist mit diesem Buch durchaus gut bedient. Es kam zumindest bei mir auch ein gewisser Nostalgie-Faktor auf, wenn Graham von Eisenbahn-Aktiengesellschaften schreibt oder von Branchen wie "Rundfunk" oder "Strickwaren".

Ich hätte allerdings Bauchschmerzen, wenn ich das Buch für Börsen-Anfänger/innen empfehle - und zwar aus zwei Gründen:

  1. Wie gesagt, es handelt sich um eine Neuauflage eines Klassikers aus dem Jahr 1937. Das hat den Nachteil, dass manche Bilanzierungsregeln schlicht und einfach nicht mehr gültig sind. Als Beispiel verweise ich nur auf die laut IFRS nun nicht mehr erfolgende jährliche Abschreibung von imateriellen Vermögenswerten - da soll nun stattdessen jährlich ein Werthaltigkeitstest durchgeführt werden.
  2. Auch in den Fällen, in denen sich die Bilanzierungsregeln nicht geändert haben, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen teilweise erheblich. Ein Beispiel: Auf Seite 42 schreibt Graham, ich zitiere: "Heute geht die Tendenz dahin, dem Goodwill in der Bilanz keinen Wert beizumessen". Laut Graham hätten "viele Unternehmen" den Wert der Goodwill-Posten in der Bilanz auf einen Dollar herabgesetzt. Heute hingegen finden sich milliardenschwere Goodwill-Positionen in den Bilanzen großer Aktiengesellschaften. Laut einem lesenswerten Börse Online Artikel ("Die Scheinriesen", unter diesem Link kostenlos abrufbar) haben z.B. Fresenius oder Siemens "Geschäfts- und Firmenwerte von mehr als 20 Milliarden Euro" in der Bilanz.

Aus den beiden genannten Punkten gibt es keine grundsätzliche Empfehlung meinerseits. Wer gewisse Erfahrung mit der Value Analyse hat, für den/die ist das Buch (bzw. eher ein Büchlein, da kleinformatig) eine durchaus den Geist anregende Lektüre für einen verregneten Nachmittag.

Wie man Unternehmenskennzahlen liest

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen,

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt

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Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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