Rezension: Väter und ihre Söhne

Väter und ihre Söhne

Rezension: Väter und ihre Söhne

Die herrschende Ansicht der Wirtschaftswissenschaften lautet: Die Menschen agieren als vollständig rationale Wesen, die ihren persönlichen Nutzen maximieren möchten (der Fachbegriff für einen solchen Menschen lautet „homo oeconomicus“).

Ich bin froh, dass solch ein Unfug (meine Sichtweise, die natürlich falsch sein kann) gelehrt wird – denn das bietet Chancen an den Kapitalmärkten. Denn laut der „Theorie der perfekten Märkte“ spiegelt ein Aktienkurs jederzeit perfekt alle verfügbaren Informationen wieder.

Ich bin davon überzeugt, dass dies keineswegs so ist – gerade bei Nischenwerten nicht. Denn da kommen psychologische Faktoren wie „Gier“ oder „Angst“ der Anleger(innen) mit hinzu. Das kann zu Über- wie zu Untertreibungen im Hinblick auf die Kursentwicklung führen. Und für Value orientierte Anleger bieten sich eben Chancen, wenn bei bestimmten Kursen nach unten übertrieben wird.

Das nur am Rande – als Erläuterung dazu, warum ich ab und zu auch gerne Bücher über Psychoanalyse lese. In dem Kontext ist mir das Buch Väter und Söhne des Psychoanalytikers und Psychotherapeuten Dr. Alexander Cherdron aufgefallen.

Analyse von Vater-Sohn-Beziehungen - auch für Mütter interessant

Denn dieser schafft es, durchaus gut lesbar einen Überblick über Vater-Sohn-Beziehungen unter psychoanalytischen Aspekten zu geben und sich dabei durchaus auch einmal mit gewagten eigenen Thesen aus dem Fenster zu lehnen. Ein Beispiel, Zitat: „Vielleicht hat sich die Menschheit daher mit zunehmender Abkehr von Patriarchen (…) überfordert und die Menschheitsgeschichte schlägt nunmehr wiederum zum Pol der Sehnsucht nach ´eindeutigen´ Vätern aus. Lang lebe der König!“

In erster Linie geht es aber natürlich um die Vater-Sohn-Beziehung und ich habe durchaus mehrere Punkte aus meiner eigenen Jugend erkannt. Gut gefällt mir, dass der Autor seine Thesen mit Zitaten garniert, die das Geschriebene komprimiert und mit Witz zusammenfassen. Ein Beispiel:

„Als ich 14 Jahre alt war, war mein Vater für mich so dumm, dass ich es kaum ertragen konnte. Aber als ich 21 wurde, war ich doch erstaunt, wieviel der alte Mann in sieben Jahren gelernt hatte.“ - Markt Twain

Dazu der Autor Dr. Cherdron: „Die Abkehr von den Vorstellungen und Werten, die der Vater verkörpert, ist Bestandteil der Identitätsfindung der Söhne, daher ist das Loslassen der Väter vom Helden-Status zugunsten eines Eigen-Lebens der Söhne unverzichtbar.“

Dies gilt es zu beachten zum Beispiel von Vätern, die nach anstrengenden Jahren der Karriere gerade dann beruflich etwas kürzer treten möchten, wenn der eigene Sohn gerade in dieser Phase ist. Solche Väter können dann enttäuscht sein, dass der Sohn keineswegs erfreut darauf reagiert, dass der Vater auf einmal viel Zeit mit dem Sohn verbringen will. Hier liefert der Autor wertvolle Ansätze. Auch im Hinblick auf ein mögliches Konkurrenzverhalten von Vater und Sohn um die Mutter und auch im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen. So sieht es der Autor z.B. tendenziell kritisch, dass Jungen außerhalb der Familie in pädagogischen Institutionen meist von Frauen erzogen werden.

Väter und ihre Söhne

Dabei fehle der spezifisch männliche Aspekt – der Autor nennt ein Beispiel: Ein 15jähriger sei im Sportunterricht bei einem Handballspiel mit zwei Schülerinnen zusammengeprallt, als diese ihn bei einem Angriff blocken sollten. Er habe den Rest der Stunde auf der Ersatzbank verbringen müssen, da sein Verhalten von der Lehrerin als „aggressiver Akt“ gewertet worden sei. Doch Jungen benötigen – natürlich mit erzieherischer Begrenzung – einen „motorisch und körperbetonten spielerischen Dialog“, und die „ständige Herabsetzung der Männlichkeit“ lähme die Entwicklung der Söhne, wie der Autor amerikanische Mütter zitiert.

Der Autor liefert in Väter und Söhne“ diverse Erklärungsmuster und auch Denkanstöße im Hinblick darauf, was in unserer Gesellschaft besser laufen könnte und Tipps für den eigenen Umgang mit Vater und/oder Sohn. Dabei dachte ich allerdings manchmal „Klischee“, etwa dann, wenn Aussagen der Art kommen, dass Männer ja weniger über Gefühle reden können als Frauen und z.B. von einem gelungenen Tag sprechen, wenn sie stundenlang schweigend mit einem Freund oder dem Sohn beim Angeln waren. Kenne ich auch anders. Und einige Male dachte ich mir, dass der Autor vielleicht ein bisschen zu stark an den Deutungen von Siegmund Freud festhält (Stichwort ödipale Phase). Und wo ich gerade bei Kritik bin: Die Schriftgröße ist übrigens für meinen Geschmack etwas zu klein.

Tiefenpsychologie anhang von "Bonanza" und "Wickie" erklärt

Sehr positiv hingegen fiel mir auf, dass der Autor bis auf diverse obligatorische Fachbegriffe eine für Durchschnittsmenschen wie mich durchaus leicht verständliche Sprache verwendet. Und besonders gut gefallen hat mir, dass Dr. Cherdron zur Veranschaulichung des Geschriebenen auf Beispiele aus TV und Literatur verweist. Höchst interessant fand ich da z.B. die Deutungen des Autors von Männer-Haushalten wie der Familie Cartwright in „Bonanza“ (die Serie habe ich in meiner Kindheit geliebt) oder auch die Erläuterung von ödipalen Themen anhand des „König der Löwen“ oder „Wicki und die starken Männer“.

Wer an tiefenpsychologischer Betrachtung von Vater-Sohn-Beziehungen (inklusive Auswirkungen auf unsere gesamte Gesellschaft) mit zahlreichen Fallbeispielen interessiert ist – und das ganze gut lesbar mit „Aha-Erlebnissen“ -, für den/die hiermit meine klare Empfehlung:

Väter und ihre Söhne

Und hier noch das Zitat zum Tag:

„Du wirst eines Tages bestimmt ein guter Vater sein, Bart.“

„Du eines Tages vielleicht auch, Homer.“

- Dialog in den „Simpsons“ zwischen Vater Homer und Sohn Bart

Schönes Wochenende!

Ihr

Michael Vaupel

Diplom-Volkswirt

P.S. Bei Interesse finden Sie unter diesem Link eine kostenlose Leseprobe

Michael Vaupel

"Fairness, Respekt vor Mensch und Tier sowie der gewiefte Blick für clevere Investment-Chancen - das lässt sich meiner Ansicht nach sehr wohl vereinen. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir diese Ansicht gemeinsam vertreten werden - auch gegen den Mainstream."

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